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Das waren die Früchte jener Irrlehren, die auf
oben beschriebene Weise unter das Volk gestreut
wurden. Der Leser hat gewiß oft gehört und
gelesen: "So kann es nicht mehr gehen, es muß
anders werden" und es am Ende auch unwill-
kürlich geglaubt und nachgesagt.
Auf diese Art wurde die Menschheit an den
Gedanken gewöhnt, daß alles Bestehende schlecht,
und eine vollständige Umwälzung das einzige Heil-
mittel sei. Und dies geschah ganz unvermerkt
und heimlich, durch die Aussendlinge der Propa-
ganda, deren Zahl mit jedem Tage mehr an-
wuchs, und die überall die Stichwörter des Unheils
in Bereitschaft hielten. Jetzt müssen große Kriegs-
heere ausziehen, um das Unglück, welches durch
die Umsturzideen hervorgerufen wurden, abzuwenden.
Der Tanz wird aber vielleicht über kurz oder lang
von Neuem angehen, weil das Böse nie aus--
stirbt, und da es gegen falsche Begriffe und Mei-
nungen kein anderes Mittel gibt, als nicht Je-
dem zu glauben, und nicht Andere für sich den-
ken zu lassen, so wird sich der Leser gemerkt haben,
wo der Wandersmann hinaus will. Wenn wir
gute Freunde bleiben, so werden wir vorkommen-
den Fall's unsere Meinung weiter gegeneinander
austauschen. .
Der Scharfrichterknecht.
(Erzählt von Georg Gand.)
1
"In einer kleinern Stadt im nördlichen Deutsch-
land lebte vor mehreren Jahren eine Familie,
welche von allen, die in naher oder entfernter
Berührung zu ihr standen, geachtet und geliebt
wurde. Molnar, so wollen wir ihn nennen, war
glücklicher Gatte und Vater von zwei Töchtern.
Er bekleidete ein Amt, welches ihm die Verwal-
tung einer Kasse zur Pflicht machte und das ihm
ein anstaͤndiges Auskommen sicherte. Viele Jahre
waren ihm vergangen in heiterer Lebensanschauung
und einem glücklichen Familienleben. Eine her-
vorragende Geistesbildung und ungewöhnliche ge-
sellige Eigenschaften waren Veranlassung gewesen,
daß Molnar in vielen Kreisen Zutritt gefunden
und überall hatte man ihn gern gesehen. Dar-
über aber war in den spaͤteren Jahren, und na-
mentlich als seine Töchter in die Welt getreten
waren und durch ihre Schönheit und Liebenswür-
digkeit die Aufmerksamkeit erregten, seine Eitelkeit
und Genußsucht gesteigert worden und die Folgen
aͤußerten sich bald, denn in den sonst ziemlich
geregelten Verhältnissen Molnar's schien Zerrüt-
tung Platz gegriffen zu haben. Mahnende und
drohende Gläubiger drängten oft auf ihn ein und
ließen den sonst heitern Mann in trübe Stimmung
und Unmuth versinken. Sein eifriges Bestreben
war alsdann hauptsächlich darauf gerichtet, seiner
Familie gegenüber die Ursachen dieser Verstim-
mung zu verbergen, und wenn seine Gattin in
sanfter Weise ihn fragte, warum er mißgelaunt,
so suchte er nach einer Ausrede und zwang sich
wieder heiter zu scheinen. Dieser gedrückte Zustand
aber änderte sich nicht, wie die Hausfrau immer
gehofft, ja er steigerte sich, und einem schärfern
Beobachter würde es nicht entgangen sein, daß
Molnar zuweilen verstört aussah. Seine Gattin
hatte ihn in den letzten Tagen mit wahrer See-
lenangst beobachtet; sie vermochte nicht länger zu
schweigen und faßte den Entschluß, in ihn zu
dringen und nicht abzulassen, bis er ihr die Ur-
sache seiner Verstimmung mitgetheilt haben würde.
Eines Tages, als der Abend schon zu däm-
mern begann, trat sie in das Zimmer ihres Gat-
ten. Sie fand ihn mit Ordnen von Papieren
beschäftigt, aber nicht in solchem Gemüthszustande,
wie er in der letzten Zeit sich gezeigt, und schon
war sie entschlossen eine Erklärung nicht herbei-
zuführen, als Molnar selbst Veranlassung dazu
gab.
Liebe Marie, begann er, nachdem er sie ge-
beten, neben ihm Platz zu nehmen, ich lese in
deinen Blicken, daß du dich sorgst, weil ich seit
einiger Zeit nicht mehr so bin, wie früher, und
du möchtest wissen, was mich so verändert erschei-
nen läßt. Stehe, fast schäme ich mich, es dir
zu sagen, aus Furcht, du möchtest mich schwach
schelten; aber es mag drum sein: seit längerer
Zeit vermag ich nicht mich der Ahnung zu ent-
schlagen, daß ich bald sterben werde. Dieser
Gedanke quält mich wachend und schlafend, denn
auch im Traume fast allnächtlich sterbe ich bald
ruhig in meinem Bette, bald auf gewaltsame
Weife. Doch auf der Welt und selbst im Be-
reiche der Phantasie des Menschen ist nichts ohne
Bedeutung, deßhalb habe ich geforscht, wie ich
mir diese Erscheinung erklären soll, und ich glaube
die Deutung gefunden zu haben: unsre Lebens-
weise war bisher von der Art, daß es nicht mög-
lich gewesen, etwas für spätere Zeiten zurückzule-
gen, und wenn ich jetzt stürbe, so würde deine
und der Kinder Lage eine hülflose sein. Besser
wäre es gewesen, wir hätten vom Anbeginn auf
Manches verzichtet und wären für die Zukunft
bedacht gewesen. Beruhige dich, liebes Kind, ich
bin weit entfernt, dir einen Vorwurf zu machen,
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