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denn wenn ein solcher zu machen ist, so trifft er
nur mich. Da es einmal nicht geschehen, so
habe ich nun für dich und die Kinder auf andere
Weise zu sorgen gesucht, indem ich in eine Le-
bensversicherungsgesellschaft eingetreten bin. Heute
ist die Sache in Ordnung gebracht und wenn mir
nun etwas menschliches begegnen sollte, so wer-
det ihr vor gänzlichem Mangel geschützt sein.
Mir aber - und dieses sagte er mit einem tie-
fen Seufzer - wird dieser beruhigende Gedanke
gewiß meine frühere Heiterkeit wieder zurückgeben.
O, das gebe der Himmel! sagte die Frau,
indem sie ihren Gatten mit liebender Besorgniß
umarmte. Habe Dank für deine Vorsorge und
möge niemals die Vorsehung es so fügen, daß
ich jene Summe, welche du versichert, für mich
in Anspruch nehmen muß. Gewiß du wirst noch
lange leben und wirken, wenn ich nicht mehr bin.
Molnar wandte sich ab, er wollte darauf erwie-
dern, vermochte es aber nicht.
Der Abend verging in der Familie ohne jene
lebendige Heiterkeit, die sonst hier heimisch zu
sein pflegte. Vorzüglich war es die Frau, die
durch die Aeußerungen ihres Mannes nachdenklich
geworden war; es schien ihr zum ersten Male
klar geworden zu sein, daß auch sie Veranlassung
zu einem allzu großen Aufwande gegeben und
Vorwürfe und Entschlüsse für die Zukunft, die in
ihrer Seele wach wurden, machten sie schweigsam
und ließen sie es nicht wahrnehmen, daß ihr
Gatte vergeblich kämpfte, unbefangen wenigstens
gegen die Töchter zu sein. Als die Zeit zur
Nachtruhe kam, trennten sich Gatten und Kinder
und Jedes suchte in verschiedener Gemüthsstim-
mung das Lager.
Als am andern Morgen Molnar's Frau in
das Zimmer ihres Gatten trat, um ihn zum
Frühstück einzuladen, fand sie denselben schon
munter und vollständig angekleidet. Er war be-
schäftigt, sein Jagdgeräthe zu ordnen, und trat
ihr entgegen mit der Aeußerung, daß der wun-
derherrliche Herbstmorgen in ihm den Entschluß
geweckt, auf die Jagd zu gehen. Ein leiser
Schrecken durchzuckte die Brust der Frau und es
war ihr, als ob sie ihren Mann bitten müsse,
von seinem Vorhaben abzustehen. Es fehlte ihr
aber an Muth, diese Bitte auszusprechen, denn
einmal wußte sie keine Gründe anzuführen, die
ihr Begehren hätten unterstützen können, und dann
fürchtete sie auch etwas gegen ihren Mann zu
äußern, was dessen Todesahnungen, von denen
er ihr gestern erzählt hatte, neue Nahrung geben
könne. Sie ließ es also geschehen, indem sie sich
selbst gestand, daß die Furcht, die sie überschli-
chen, gewiß nur in den Porgängen des vergau-
genen Abends ihre Quelle haben könnten. Nach-
dem Molnar mit den Seinigen das Frübstück
eingenommen, verließ er in Begleitung seines
Hundes das Haus. Als Molnar einige hundert
Schritte außerhalb des Thores war, entfernte er
sich von der bisher verfolgten Straße und schlug
einen Seitenweg ein, der zu der Scharfrichteret
führte; auf diesem Wege wandelte er gemächlicher
und wie es schien absichtlich langsamer vorwärts.
Kaum war diese Richtung genommen, als der
Hund in großen Sätzen vorwärts eilte und bel-
lend vor der Scharfrichterei stehen blieb.
Bevor noch Molnar diese Stelle erreicht hatte,
trat aus der Thüre ein Bursche heraus, der wohl
einige 20 Jahre alt sein mochte. Kaum hatte
der Hund ihn erblickt, als er hoch an ihm hinauf
sprang und durch Liebkosungen ihn als einen Be-
kannten begrüßte. Der Bursche war der Scharf-
richterknecht; er hatte den Hund aufgezogen und
zur Jagd abgerichtet. Nachdem der Barsche den
Hund ein wenig gestreichelt und dessen Liebkosun-
gen erwiedert hatte, ging er Molnar entgegen
und begrüßte ihn mit eben so viel inniger Freund-
lichkeit als tiefer Hochachtung.
Guten Morgen, Johannes! sagte Molnar,
nun wie geht es dir, hast du dich schon getröstet?
Ach, guter Herr Molnar, ich wollte, meine
alte Mutter lebte noch und ich könnte sie noch
pflegen und meinen kleinen Verdienst mit ihr
theilen. Doch der liebe Gott hat sie nun zu sich
genommen und sie ist jetzt gewiß glücklicher. Mir
ist es zwar nun gar einsam auf der Welt, denn
ich habe jetzt fast keinen Menschen, dem ich an-
gehöre, aber ich bin doch zufrieden und viel ru-
higer, weil es mir vergönnt gewesen, meiner
Mutter die Augen zudrücken zu dürfen und die
letzte Zeit ihres Lebens ihren Unterhalt verdienen
zu können. Daß ihr auch ein ehrlich Begräbnitß
hat zu Theil werden können, das verdanke ich,
wie so vieles andere, auch Ihnen, Herr Molnar,
denn dazu hätte mein Geld fast nicht ausgereicht,
und wenn mirt es auch andere Leute geborgt hät-
ten, ohne Ihre Fürsprache hätte man den Leich-
nam gewiß weggeschafft auf die Universität und
ich haͤtte ihr nicht den letzten Liebesdienst erwei-
sen können. Ach, waͤre meine Mutter gestorben,
als ich noch dort war - hier machte Johannes
eine Bewegung mit der Hand nach einer entfern-
ten Gegend - ich wäre niemals ruhig gewor-
den, denn ich hätte immer gedacht, daß meine
Mutter aus Gram über mich gestorben sei.
Ja, siehst du Johannes, fagte Molnar, haͤt-
test du während deiner Gefangenschaft nicht ge-
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