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zeigt, daß es dir Ernst sei, dich zu bessern und
hättest òdu nicht gute Freunde gehabt, dann säßest
du noch im Zachthause und deine Mutter würde
gestorben sein, ohne dir sagen zu können, daß sie
dir verziehen.
Ach, gute Freunde habe ich eigentlich nie ge-
habt, aber einen Wohlthäter, einen warnenden
Schutzengel, und der waren Sie.
früher nicht Ihren Ermahnungen gefolgt bin, dann
waͤre es nicht dahin gekommen, dann brauchte ich
nicht zu sein, was ich jetzt bin und die Leute
verachteten mich nicht.
Die beiden Maͤnner waren während dieses
Gespräches langsam weiter geschritten. - Wir
wollen sie die Straße ziehen lassen und dem Le-
ser das Verhaͤltniß, in dem die beiden zu einan-
der standen, in kurzem andeuten. Johannes war
der uneheliche Sohn einer Weibsperson, die in
früheren Jahren bei Molnar's gedient hatte. Sie
war ein gutmüthiges Mädchen gewesen, das die
Zuneigung ihrer Herrschaft in hohem Grade be-
sessen und dieser Umstand war Ursache, daß sie
stets eine große Anhänglichkeit für die Familie
und diese ihr eine gewisse Theilnahme bewahrt
hatte. Der Knabe wuchs heran und wurde ein
wilder unbändiger Bursche, und wenn die schwache
Mutter gar nicht mit ihm fertig zu werden ver-
mochte, so sprach sie wohl Molnar an, den Kna-
ben recht ernstlich zu vermahnen, was dieser auch
stets auf recht eindringliche Weise that. Als die
Zeit heran kam, wurde Johannes in die Lehre
zu einem Fleischer gegeben. Er machte seinem
Meister viel zu schaffen; doch seinem Eifer, seiner
Anstelligkeit mußte man Gerechtigkeit widerfahren
lassen. Als er Geselle war, wurde er eines Ta-
ges mit einem seiner Kameraden über Land ge-
schickt, um Schlachtvieh einzukaufen. Auf dem
Heimwege in der Dämmerung begegnete den bei-
den jungen Leuten ein Wanderer, der augenschein-
lich Furcht zeigte, diesen beiden zu begegnen.
Erhitzt von geistigen Getränken und lebhaftem
Gespräch und gereizt durch die Furcht des Wan-
derers, rief Johannes mehr aus Muthwillen als
aus irgend einer Absicht halt! und streckte dabei
die Hand aus, als wollte er den Mann ergrei-
fen. Dieser aber warf etwas, was er unter ei-
nem Mantel verborgen gehalten, zur Erde und
lief aus Leibeskräften feldeinwärts. Die beiden
Burschen hoben das Weggeworfene auf und siehe
da, es war ein Beutel, worin sich mehrere hun-
dert Thaler befanden. In der vorgefaßten Mei-
nung, daß der Mann das Geld gestohlen habe,
beschlossen sie, es zu behalten und unter sich zu
theilen. Es währte indessen nicht lange, so ward
O, daß ich
es ruchbar, daß eine Beraubung stattgefunden.
Jener Mann war ein Bote und hatte das Geld
an einen andern Ort bringen sollen: Aus Furcht,
von den beiden wilden Burschen erschlagen zu
werden, hatte er sich so feige benommen. Die
gerichtliche Untersuchung leitete bald den Verdacht
auf Johannes und seinen Kameraden; sie wurden
eingezogen und Johannes, als der Schuldigere,
auf zehn Jahre zum Zuchthause verurtheilt und
dahin abgeführt. Seinem musterhaften Betragen
im Zuchthause, seiner tiefen Reue und der wärm-
sten Verwendung von Seiten Molnar's hatte er
es zu verdanken, daß ihm die Hälfte seiner Straf-
zeit erlassen und er in Freiheit gesetzt wurde. Als
er aber wieder heraustrat in das Leben, da er-
ging es ihm, wie es so vielen ergeht, die eine
entehrende Strafe zu verbüßen gehabt: er wurde
von allen als ein Geächteter gemieden, kein Mei-
ster wollie ihn in Arbeit nehmen und als er sich
so überall zurückgewiesen sah, da ward er endlich
Scharfrichterknecht. -
Molnar und sein Begleiter waren ein gu-
tes Stück und fast bis zum Waldessaume neben
einander gegangen. Jetzt trennten sie sich. Mol-
nar rief dem zurückgehenden Johannes noch einige
Worte nach und ging dann rascher dem Walde zu.
2
Der Tag neigte sich dem Ende zu; schon war
es dunkel geworden und Molnar noch nicht zurück-
gekehrt. In grenzenloser Unruhe harrte die Frau
der Heimkunft ihres Mannes entgegen und in
der höchsten Unruhe trat sie von Zeit zu Zeit an
das Fenster, sah die spärlich erleuchtete Gasse
entlang und eilte dann wieder zur Thüre, um zu
horchen, ob sie nicht die Tritte des Gatten oder
des vorauseilenden Hundes vernehmen würde.
Die Töchter theilten wohl die Unruhe, aber sie
wurden mehr durch den Zustand der Mutter ge-
ängstigt, als durch das lange Ausbleiben des
Vaters. Die Frau hatte die düstersten Vorstel-
lungen und es schien ihr ganz unzweifelhaft, daß
ein Unglück sich ereignet haben müsse, und doch
hatte sie nicht den Muth, ihre Ahnung den Kin-
dern mitzutheilen, aus Furcht, sie könnte sich
versucht füblen, von dem etwas zu erwähnen,
was den Abend zuvor zwischen ihr und dem Va-
ter porgefallen war. Was ihre Besorgnisse am
heutigen Tage zuerst angeregt und so gewaltig
gesteigert hatte, war einem besondern Umstande
zuzuschreiben. Einer der höhern Beamten und
Molnar's Vorgesetzter, mit dem sie in vertrauli-
chen und freundschaftlichen Verhältnissen gestanden,
der sich aber seit einiger Zeit in etwas auffallen-
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