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der Weise von ihnen zurückgezogen hatte, war
heute zwelmal bei ihr gewesen und hatte dringend
verlangt, mit Molnar zu sprechen. Auf die auch
beim zweiten Besuche gegebene Antwort, daß ihr
Mann noch nicht von der Jagd zurückgekehrt sei,
hatte sie eine große Betroffenheit an dem
Manne wahrgenommen, und wenn sie auch nicht
vermochte, sich diese Umstände klar zu machen,
so waren sie doch nur zu sehr geeignet, die Frau
zu verwirren.
Ihre Angst und Pein brach endlich in Ver-
zweiflung aus, als die Uhr vom nahen Thurme
10 schlug und ihr Mann noch nicht eingetroffen
war. Sie schrie auf vor Entsetzen, als sei es
nun gewiß, daß ihr Mann todt und sie begehrte
jetzt, daß alles im Hause hinaus solle in Wald
und Feld, den Verunglückten zu suchen, vielleicht
lag er irgendwo verwundet und war außer Stande,
den Heimweg zu finden. Sie selbst wollte hinaus,
und nur mit Mühe war sie zu bewegen, daheim
zu bleiben; aber sie ließ nicht ab, bevor nicht
einige Männer gedungen waren, um Nachfor-
schungen anzustellen.
Molnar's Vorgesetzter hatte früh am andern
Morgen abermals sich erkundigen lassen, ob der
Rendant zu Hause sei und auf die Nachricht,
daß derselbe nicht heimgekehrt, hatte er im Bei-
sein mehrerer anderer Beamten die Bücher und
die Kasse, die Molnar zu führen hatte, untersu--
chen lassen; es ergab sich, was man schon seit
einiger Zeit vermuthet, ein nicht unbeträcht-
licher Kassendefekt. Es schien nun unzweifelhaft,
daß Molnar entweder die Flucht ergriffen oder
wohl gar sich entleibt haben möchte. Man stellte
etzt auch von Seite der Behörden Nachforschun-
gen an; es wurden nach allen Richtungen Boten
ausgesendet und Anstalten getroffen, den etwa
flüchtig Gewordenen einzuholen.
Gegen Mittag aber kam die Meldung, der
Rendant sei unfern der großen Eiche im Walde
todt gefunden worden. Sofort wurde eine Com-
mission abgesendet, um den Leichnam aufzuheben.
Angekommen an Ort und Stelle, ergab es sich
sehr bald, daß hier ein Selbstmord nicht stattge-
funden. Molnar lag mit zerschmettertem Haupte
da und ein langer Knittel, der aber schon zu
anderem Gebrauche gedient hatte und mit dem
die That vollführt worden sein mußte, lag neben
der Leiche, wenige Schritte davon das noch ge-
ladene Jagdgewehr. Bei näherer Untersuchung
ergab sich ferner, daß Börse, Uhr und einige
Ringe, die Molnar zu tragen pflegte, geraubt
waren. Der Leichnam wurde aufgehoben und
nebst der Keule, der Jagdflinte zur Stadt gebracht.
Die nochmalige Untersuchung in Gegenwart vie-
ler Gerichtspersonen und Aerzte stellten auf das
Unzweifelhafteste fest, daß Molnar auf gewaltsame
Weise, von fremder Hand, getödtet und beraubt
worden sei. Das Gerücht verbreitete sich schnell
in der ganzen Stadt und Befremden und Entrü-
stung über die gräßliche That erfüllte alle Be-
wohner derselben.
Von Seite der Behörden wurden Anstalten
zur Ermittelung des Thäters getroffen; es erging
eine allgemeine Aufforderung, zur Habhaftwer-
dung des Mörders mitzuwirken und Jedermann
wurde ersucht, die Spuren, die zur Eutdeckung
des Thäters führen könnten, anzugeben.
Noch an demselben Nachmittage erschien der
Scharfrichter bei dem Gerichte und meldete, daß
am Morgen zuvor Molnar mit seinem Knechte
Johannes eine Strecke neben einander gehend
gesehen worden sei. Der Knecht habe sich dann
zwar von demselben getrennt und sei in die Scharf-
richterei zurückgekehrt, allein spät am Abend sei
der Hund des Ermordeten nach der Scharfrichte-
rei gekommen, habe sich winselnd zu dem Knechte
gesellt und wolle trotzdem, daß der Knecht ihn
stets fortweise und ihn sogar mißhandle, sich nicht
von ihm trennen. Auf weiteres Befragen, ob er
vermuthe, daß der Knecht der Thäter sein könne,
äußerte der Scharfrichter, daß er eine solche Ver-
muthung schlechterdings nicht habe, um so weni-
ger, da er wisse, daß der Knecht eine unbegrenzte
Verehrung für Molnar hege, denn derselbe habe
ihm vielfache Wohlthaten erwiesen, und nament-
lich sei es Molnar's Verwendung zuzuschreiben,
daß dem Knechte die Hälfte der Zuchthausstrafe
erlassen worden. Im Uebrigen halte er den Knecht
für einen braven und ehrlichen Kerl, von dem
er nun und nimmermehr glauben könne, daß er
die That verübt habe. Die vom Scharfrichter
anfangs erwähnten Umstände erschienen dem Rich-
ter aber doch von solcher Bedeutsamkeit, daß er
die sofortige Vernehmung des Knechtes anordnete.
Johannes erschien vor Gericht. In dem er-
sten Verhöre, welches er zu bestehen hatte, be-
nahm er sich besonnen und ruhig und zwar in
solchem Grade, daß es dem Richter auffällig
wurde; er antwortete auf jede Frage mit großer
Bedächtigkeit, kurz und nur so viel, als gerade
nöthig erschien. Der Richter eikundigte sich über
das Verhältniß, in welchem Johannes zu Mol-
nar gestanden, und er berichtete mit aller Offen-
heit und einer großen Innigkeit, was Molnar
alles für ihn gethan und wie er sich demselben zu
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