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großer Dankbarkeit verpflichtet gefühlt habe. Hie-
rauf ließ sich der Richter den Inhalt des Ge-
sprächs, welches die Beiden Tags vorher auf
dem Felde geführt hatten, mittheilen und richtete
noch mehrere Fragen an Johannes, die dieser
alle so beantwortete, daß sie dem Richter keiner-
lei Anhaltepunkte darboten. Endlich fragte der
Richter: "Wann und von wem hast du denn die
erste Kunde ethalten, daß Molnar ermordet ge-
funden worden?"
Johannes stutzte einige Sekunden und schien
verwiert. Nach einer Pause erwiderte er: "Die
ganze Stadt spricht ja davon."
Das Vorgefallene, sprach der Richter, ist erst
seit wenigen Stunden ruchbar geworden und es
ist gar nicht anzunehmen, daß du nicht wissen
solltest, aus wessen Munde du die Nachricht zuerst
vernommen.
Ja, ich erinnere mich jetzt, sagte Johannes,
daß ich auf der Scharfrichterei davon habe spre-
chen hören, und es war Herr Göbel' selbst, der,
als er aus der Stadt heimkam, seiner Frau die
schreckliche Geschichte erzählte.
Der Richter befragte nun Johannes, womit
er sich, seit er Molnar auf dem Felde verlassen,
deschäftigt und ob er sich von der Scharfrichterei
nicht entfernt habe. Er sagte aus, daß er sei-
nem Tagewerke nachgegangen, daß er zur Mit-
agszeit, am Tage zuvor, sich zur Stadt begeben,
nach kurzer Zeit zurückgekehrt und dann die Scharf-
richterei nicht verlassen habe, bis er hierher ab-
geführt worden sei.
Der Richter schloß hier das erste Verhör,
kündigte aber Johannes an, daß er ihn nicht
auf die Scharfrichterei zurückgehen lassen könne,
daß er ihn vielmehr dem Gefängnisse übergeben
müsse.
Johannes hörte diese Bestimmung, ohne da-
von ergriffen zu scheinen; mit Ruhe und ohne
ein Wort zu verlieren, betrat er die einsame Zelle
im Gefangenhause.
Noch an demselben Abend wurde genaue Nach-
suchung, die sich nicht allein auf die Kammer,
welche Johannes bewohnte, sondern fast auf die
ganze Scharfrichterei erstreckte, gehalten; man
fand jedoch auch nicht eine Spur von den Gegen-
ständen, die Molnar gehört hatten und die man
bei Aufhebung des Leichnams vermißt hatte. Eine
Untersuchung der Wäsche und der Kleidungsstücke
konnte zu nichts führen, denn darin aufgefundene
Blutspuren würden hinlänglich gerechtfertigt ge-
wesen sein, durch den Beruf, dem Johannes ob-
zuliegen hatte.
Es wurden dann die übrigen Personen, welche
die Scharfrichterei bewohnten, vernommen. Gö-
bel, der Scharfrichter, gab zu, daß er bald, nach-
dem die Ermordung Molnar's in der Stadt be-
kannt geworden, nach Hause gegangen und zuerst
gegen seine Frau davon gesprochen; er sei aber
mit seiner Frau anfänglich ganz allein in der
Stube gewesen und erst später sein zweiter Knecht
eingetreten, und als er diesem den Fall auch er-
zählt, habe derselbe geäußert, nun könne er sich
erklären, warum der Hund Molnar's gestern
Abend zu Johannes gekommen und sich so kläg-
lich gebehrdet habe. Der Knecht sei dann immer
nachdenklicher geworden und habe ihm endlich al-
les das erzählt, was er bereits zu Protokoll ge-
geben. Göbel sagte aus, daß er mit Johannes
gar nicht gesprochen und auch seine Frau dem
Knechte keine Mittheilung gemacht habe.
Von den übtigen Bewohnern der Scharfrich-
terei wollte gleichfalls Niemand mit Johannes
von der Ermordung Molnar's gesprochen haben;
es vermochte übrigens auch Niemand mit Be-
stimmtheit zu versichern, ob Johannes den gan-
zen Tag zu Hause gewesen und wie lange sein
Ausgang zur Mittagszeit gedauert haben mochte.
Johannes bewohnte eine Kammer in einem Häus-
chen, welches abseits vom eigentlichen Wohnhause
lag und da war er fast stets sich selbst überlassen,
denn auf der Scharfrichterei war es überhaupt
nicht Sitte, sich viel um andere zu kümmern;
wenn jeder seine Pflicht getreulich übte - und
Johannes war fleißig und pflichttreu, - so ließ
der eine den andern ruhig gewähren. Soviel
stellte sich indessen unzweifelhaft heraus, daß Jo-
hannes Tags zuvor zu verschiedenen Zeiten auf
dem Hofe der Scharfrichterei gesehen worden war,
schweigsam und arbeitend wie immer.
Im zweiten Verhöre, welches Johannes zu
bestehen hatte, fragte ihn der Richter: Du hast
also durch deinen Herrn die erste Kunde von der
Ermordung Molnar's erhalten?
Ja, antwortete Johannes.
Dein Herr aber behauptet, mit dir gar nicht
gesprochen zu haben, nachdem er aus der Stadt
zur Scharfrichterei zurückgekehrt.
Das ist wahr, aber ich habe es, an der
Thüre horchend, gehört, wie Herr Göbel es sei-
ner Frau erzäͤhlte.
Was veranlaßte dich denn, an der Thüre zu
horchen? .
Ich sah den Herrn in großer Hast und auf-
geregt aus der Stadt kommen; da dachte ich, es
müßte etwas Besonderes geschehen sein und war
neugierig es zu erfahren.
Der Richter war überrascht, denr auch dieser
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