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Umstand, der ihm einen Anhalt bieten sollte, um
Licht in der Sache zu erhalten, war durch die
Aussage des Knechtes ziemlich oder fast ganz be-
seitigt. Der Richter legte hierauf dem Johannes
die Frage vor, ob denn die Nachricht von dem
schrecklichen Tode eines Mannes, der ihm ein
solcher Wohlthäter gewesen, nicht einen tiefen
Eindruck auf ihn gemacht habe, weßhalb er sich
nicht nach den näheren Umständen des Mordes
erkundigte und ob er nicht das Bedürfniß gefühlt,
mit Jemanden darüber zu sprechen?
Johannes erwiderte darauf: Als ich an der
Thüre hörte, wie mein Herr drinnen erzaäͤhlte,
was geschehen war und dann ausrief: "die arme
Frau, die armen Kinder!" da war mir es ganz
erschrecklich zu Sinnen und ich mußte heftig wei-
nen. Vor Schmerz und vor Furcht, man möchte
mich meiner Thränen wegen verspotten, ging ich
auf meine Kammer und habe diese nicht verlas-
sen, bis man mich abgeholt hat.
Wias dachtest du aber, als an dem Abend
der Hund zu dir kam?
en Hund habe ich groß gezogen, er kennt
mich noch und er ist öfter zu mir auf die Scharf-
richterei gekommen.
Aber der Hund soll sich an diesem Abend
ganz anders wie gewöhnlich bewiesen haben, ist
dir das nicht aufgefallen?
Anfänglich glaubte ich, der Hund sei vielleicht
auf der Jagd angeschossen oder gebissen worden,
deßhalb untersuchte ich ihn, als ich aber nichts
fand, da jagte ich ihn fort, weil ich den Hund
nicht daran gewöhnen wollte, bei mir zu sein.
Der Richter kam nach und nach von der Ver-
muthung, Johannes könne die That verübt ha-
ben, zurück, und selbst die Annahme, er stehe zu
dem Vorfalle in irgend einer Beziehung, schwand
immer mehr, denn wenn gleich manches Auffal-
lende in dem Benehmen Johannes nicht in Ab-
rede zu stellen war, so fehlte es doch auf der
andern Seite an allen Motiven, welche eine solche
Handlungsweise möglich erscheinen ließen. Der
Richter faßte daher den Entschluß, noch ein Ver-
hör mit Johannes anzustellen und wenn sich in
diesem keine Widersprüche mit früheren Aussagen
ergäben und nicht neue Verdachtsgründe aufge-
funden würden, ihn wieder in Freiheit zu setzen.
3
Während man fast allgemein in der Stadt
geneigt war, Johannes für den Mörder Molnar's
anzusehen und bevor noch das erwähnte letzte
Verhör mit jenem angestellt wurde, ereignete sich
ein Zwischenfall, der die allgemeine Aufmerksam-
keit in Anspruch nahm. In einem benachbarten
Staͤdtchen hatte man einen Menschen zur Haft
gebracht, weil derselbe einen Ring, welcher der
Beschreibung nach dem Ermordeten zugehörig ge-
wesen sein mußte, zum Verkaufe auszeboten hatte.
Dieser Mann wurde nebst dem Ringe der unter-
suchenden Behörde überliefert und es ergab sich,
daß es Molnar's Trauring war, den derselbe
am Tage seines gewaltsamen Todes getragen
hatte.
Befragt, wie er zu diesem Ringe gekommen,
suchte der Mann zuerst mehrere Ausflüchte. Als
er aber inne ward, daß er damit nicht durchzu-
kommen vermochte, erzählte er in ausführlicher
Weise folgendes: "Ich bin Schiffzieher. Vor un-
gefähr 8 Tagen zogen wir ein Schiff die Weser
stromaufwärts und machten unfern von hier am
Wald Halt, um das Vesperbrod einzunehmen.
Einer von den Kameraden - es war der Müller
Kasper - entfernte sich, während wir ruhten
und assen, in den Wald, um seinen Stock, den
er vor einiger Zeit an dieser Stelle vergessen ha-
ben wollte, aufzusuchen. Er blieb aber zu lange
und wir mußten ohne ihn das Schiff weiter zie-
hen, um noch vor Dunkelwerden die Station zu
erreichen. Wir waren schon eine ziemlich große
Strecke weiter gezogen, als der Kasper nachkam.
Ich merkte gar bald eine große Veränderung an
ihm und schloß daraus, daß ihm etwas besonde-
res begegnet sein müsse. In der Herberge trank
er viel und auch uns ließ er zu trinken geben.
Bald gewahrte ich, daß Kasper viel Geld hatte.
Als wir ziemlich spät uns auf die Streu nieder-
legen wollten, zog ich ihn bei Seite und da sagte
ich zu ihm, er habe gewiß einen guten Fang ge-
macht und er möge mir was abgeben oder ich
würde es anzeigen. Er suchte mich zu beschwich-
tigen, indem er mich versicherte, daß er im Walde
eine Börse gefunden, worin auch ein paar Ringe
gewesen und von diesen wolle er mir einen ge-
ben. Als er die Börse hervorzog, hörte ich eine
Uhr in seiner Tasche picken und doch wußte ich,
daß er zuvor keine besessen. Ich nahm den Ring
und war entschlossen, dennoch die Sache anzuzei-
gen, und mit diesem Vorsatze legte ich mich nie-
der und schlief bald ein. Als ich am andern
Morgen erwachte, war Kasper fort und ich habe
ihn seit dieser Zeit nicht wieder gesehen."
"Was war denn das für ein Stock, den der
Müller Kasper suchen wollte?" fragte der Richter.
"Nun ein Stock war es eigentlich nicht,"
erwiderte der Befragte, "es war mehr ein
Baumstamm, wie wir ihn beim Schiffziehen zu
führen pflegen."
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