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"Und brachte der Müller Kasper den Stock
oder Stamm, den er suchen wollte, als er in
den Wald ging, mit zurück?"
"Darauf habe ich nicht geachtet, aber ich
glaube, et hatte ihn nicht, als er wieder zu uns
stieß."
"Würdest du den Stock erkennen, wenn du
ihn fändest oder wenn er dir gezeigt würde?"
"O ja, denn der Kasper pflegte in jeden
Stock, den er führte, den Anfangsbuchstaben sei-
nes Namens hineinzuschneiden."
Es wurde nun jener Stock, der neben Mol-
nar's Leiche gefunden worden war, dem Schiff-
zieher gezeigt und dieser erkannte ihn für den
Stock des Müller Kasper, indem er auf die An-
fangsbuchstaben, die man vorher nicht beachtet
hatte, hinwies. Der Schiffzieher wurde einstwei-
len gefänglich eingezogen und alle Anstalten zur
Habhaftwerdung des Müller Kasper getroffen.
Dieser war weit und breit als ein übelberüchtig-
ter Mensch bekannt und es bedurfte daher kaum
einer Beschreibung seiner Person. Er war schon
sehr oft wegen kleiner Diebstähle, Betrügereien
und polizeilicher Uebertretungen aller Art in Un-
tersuchung gewesen und wohl den größten Theil
seines Lebens hatte derselbe in Gefängnissen zu-
gebracht. Ein bedeutendes Verbrechen hatte er
sich bis jetzt nicht zu Schulden kommen lassen,
doch jetzt schien es keinem Zweifel mehr zu un-
terliegen, daß er den Mord an Molnar verübt.
Während man in dieser Voraussetzung sich
immer mehr und mehr bestärkte, wurde Johannes
aus dem Kerker entlassen. Ohne sich über die
Haft und den Verdacht zu beklagen, verließ er
das Gefaͤngniß und ging wieder auf die Scharf-
richterei. Göbel empfing ihn, als ob nichts vor-
gefallen sei und auf die Frage Johannes, ob er
ihn ferner in seinem Dienste behalten wolle, ant-
wortete er mit einem einfachen Ja. Wenn Jo-
hannes schon früher still und schweigsam gewesen
und zurückgezogen gelebt hatte, so war das jetzt
in weit erhöhtem Maße der Fall. Nur wenn es
sein mußte, verließ er die Scharfrichterei und
Umgang pflegte er mit Niemanden. Göbel allein
hegte für Johannes eine gewisse Theilnahme und
zeigte dieses auch dadurch, daß er sich öfters mit
ihm in ein Gespräch einließ. Dabei pflegte er
stets auf Molnar und dessen Familie das Gespräch
zu lenken, wobei jedoch Johannes nicht gern ver-
weilte. Besonders auffallend war es Göbel, daß
Johannes nicht zu bewegen war, die Frau des
Ermordeten zu besuchen; er entschuldigte sich da-
mit, daß er ihr und den Töchtern doch vielleicht
ein unwillkommener Gast sein möchte, da man
ihn eine Zeit lang für den Mörder Molnars ge-
halten. Das Benehmen des Knechtes erschien
aber Göbel zu eigenthümlich, ja seltsam und er
vermochte nicht den Gedanken aufzugeben, Johan-
nes habe Antheil an dem, was sich zugetragen.
Trotz dieser Schweigsamkeit und Zurückhaltung
gab Göbel die Idee nicht auf, den Schleier zu
lüften und die Vermuthung, die er schon seit ei-
nigen Tagen hegte, zur Gewißheit werden zu sehen.
Es waren nur wenige Tage verflossen, seit-
dem man Müller Kaeper steckbrieflich verfolgt
hatte, als man seiner auch habhaft wurde und er
dem Gerichte überliefert werden konnte, welches
ihn verfolgte. Anfänglich that er, wie er in
früheren Zeiten und so oft er in Untersuchung
gekommen war, gethan hatte, er leugnete. -
Als er aber die Verdachtsgründe, ja die Beweise
so gewaltig auf sich einstürmen sah, da ward er
kleinlaut und verzagt. Es war erwiesen, daß er
sich im Besitze der Uhr und der Ringe, welche
Molnor getragen hatte, befunden, er vermochte
nicht, sich über den Erwerb des Geldes auszu-
weisen, welches er verausgabt hatte. Seine übri-
gen Gefährten hatten sämmtlich den Baumstamm
als den seinigen anerkannt und endlich war es
festgestellt, daß die That gerade an dem Tage
und ungefähr zu derselben Zeit geschehen sein
mußte, als Müller Kasper sich in den Wald be-
geben, um angeblich seinen Stock zu suchen. Diese
Umstände zusammengenommen und im Rückblick
auf den frühern Lebenswandel des Angeschuldig-
ten, blieb fast kein Zweifel übrig, daß er die
That vollführt haben müsse. Der Richter fühlte
sich um so mehr bestärkt in dieser Annahme, da
der Kasper sich bereits in ein unendliches Wirr-
sal von Widersprüchen verstrickt hatte, aus dem
einen Ausweg zu finden fast unmöglich schien.
Was ihn aber in den Augen des Richters vor
allem andern schuldig erschienen ließ, war der
Umstand, daß Kasper das kecke, oft sogar freche
Wesen, wodurch er sich sonst bei Untersuchungen
auszeichnete, gleich nach den ersten Verhö-
ren abgelegt hatte und in äußerst gedrückter
Stimmung und zuweilen in fast gebrochener Hal-
tung erschien. .
irsc Morgens, als Müller Kasper in;s
Verhör geführt wurde, erschien derselbe mit grö-
ßerer Festigkeit und einer gewissen Entschlossenheit.
Bevor noch der Richter das Verhör begann, aͤu-
ßerte Kasper, er sei bereit, ein vollständiges Be-
kenntniß abzulegen.
Als ich an jenem Nachmittage, so begann
Kasper, meine Kameraden verlassen hatte und
ein Stück in den Wald hineingegangen war, er-
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