Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0040
blickte ich plötzlich unter einem Baume, unfern
der großen Eiche, einen Mann schlafend; mehrere
Schritte davon war der Hund mit einer Leine
an einem Stamme angebunden; ich schlich mich
leise heran und gewahrte bald, daß der Herr
Uhr und Ringe habe; in diesem Augenblicke er-
blickte ich auch meinen großen Stock. - Da stieg
der Gedanke in mir auf, den Mann zu erschla-
gen und mich der Gegenstände zu bemaͤchtigen.
Ich erfaßte den Stock und - hier stockte Kasper;
er hielt einige Augenblicke inne, fühlbar mit ei-
nem Entschlusse ringend, und ergänzte dann seine
Rede mit eisiger Kälte - versetzte dem Schla-
fenden mehrere Schläge auf den Schädel."
"Fahre fort," sagte der Richter tief erschüttert.
"Ich habe nichts weiter zu sagen; denn alles
übrige wissen Sie schon," erwiderte mit großer
Ruhe Müller Kaspar. Das Verhör ward been-
det und Kasper in sein Gefängniß zurückgeführt.
Er wurde noch einige Male vernommen, um ei-
nige abweichende Umstände noch naͤher zu erörtern
und als diese beseitigt waren, wurden die Akten
geschlossen. Von dem Augenblick des Bekenntnis-
ses an hatte Kasper, so oft ihm Gelegenheit
dazu gegeben war, den Wunsch ausgesprochen,
man möge ihn nicht in einer einsamen Zelle ge-
fangen halten, oder so bald als nur möglich sei-
nem Leben ein Ende machen. Dem ersten Wunsche
ward nicht entsprochen, da hingegen ließ das Uc-
theil der ersten Instanz nicht lange auf sich war-
ten. Es lautete auf Hinrichtung durch das Schwert.
Als dem Kasper das Urtheil verkündet wurde,
hörte er es an, ohne davon ergriffen oder erschüt-
tert zu werden, es hatte sogar den Anschein, als
ob er sich mit dem Gedanken schon sehr vertraut
gemacht hätte. Und so war es auch in der That.
Kasper besaß neben viel Rohheit und Verworfen-
heit eine unbegrenzte Eitelkeit und Herrschsucht.
So oft er früher Gefängnißstrafe verbüßen muß-
te, hatte er unter den Mitgefangenen eine ge-
wisse Herrschaft zu erlangen gewußt. Es ist fast
in allen Gefängnissen, in denen eine Absonderung
nicht stattfindet, Sitte, daß diese einen Obersten
wählen und sich ihm unterthan machen. Diese
Rolle hatte Müller Kasper stets gespielt und wenn
er ein Gefängniß betrat, so ward ihm stets diese
Würde zuerkannt und er wußte sie durch alle die-
jenigen Bedingungen, die dabei in Frage kamen,
geltend zu machen. Daher war ihm auch die

einsame Haft unerträglich und er befand sich wäh-
rend derselben zuweilen gänzlich stumpfsinnig, zu-
weilen in einem Zustande der Aufregung, der an
Wahnsinn und Tollheit grenzte.
Nachdem es ihm klar geworden, daß er sich

in einer Lage befinde, die ihm nicht mehr gestat-
ten werde, eine solche Herrschaft zu üben, wurde
er des Lebens überdrüssig und nur der Gedanke
hatte einen Reiz für ihn, bei dem gräßlichen
Schauspiele einer Hinrichtung die Hauptrolle zu
spielen und durch die Art und Weise, wie er sich
zu benehmen gedachte, ein Gegenstand der Bewun-
derung in den Augen der Volksmenge zu sein.
Dieser Gedanke war es denn auch, der den Kas--
per beim Anhören seines Todesurtheils beherrschte.
Er wollte daher auch nicht Berusung an die oberste
Behoͤrde einlegen lassen und verzichtete selbst auf
die Gnade des Fürsten. Als man ihn aber be-
deutete, daß das Urtheil dieser doßpelten Bestä-
tigung bedürfe, war er von deren Nothwendigkeit
nicht zu überzeugen und er schien unwillig über
die Verzögerung des von ihm geträumten Trium-
phes.
Das oberste Gericht bestätigte das Urtheil
und der Fürst sah sich von keißzer Seite veranlaßt,
Gnade zu üben an einem Verbrecher, der nach
dem Gesetze das Leben verwirkt hatte.
Zum dritten Male hörte Müller Kasper sein
Todesurtheil und es wurde der Tag anberaumt,
an welchem er sein Verbrechen auf dem Schaffote
büßen sollte.

4.
Am Tage vor der Hinrichtung zeigte Göbel
eine gewisse Unruhe. Was in seinem Innern
vorging, vermochte Niemand sich zu erklaͤren, denn
Furcht vor der Hinrichtung konnte es nicht sein,
bei einem Manne, der dieses graufenhafte Ge-
schäft schon so oft vollzogen, wobei er stets die
größte Ruhe und den größten Einst an den Tag
gelegt hatte.
In einer der späteren Nachmittagsstunden die-
ses Tages stand Göbel am Fenster und schien
der Errichtung des Blutgerüstes, welches zwischen
der Stadt und der Scharfrichterei aufgebaut wurde,
zuzuschauen. Er fragte nach Johannes. Man
ging diesen zu suchen und als man ihm berichtete,
daß er nicht aufzufinden sei, verließ Göbel die
Scharfrichterei und begab sich nach der Stadt.
Es ist dem Scharfrichter gestattet, einen zum
Tode Verurtheilten im Gefängnisse zu besuchen,
um sich mit den Gesichtszügen und der Gestalt
des Unglücklichen bekannt zu machen. Von dieser
Gestattung moachte Göbel heute Gebrauch. Als
er in das Gefängnißhaus kam, befand sich der
Geistliche bei Müller Kasper; als dieser ihn ver-
lassen, trat Göbel in die Zelle zu dem Verur-
theilten. Müller Kasper schrack heftig zusammen,
denn er erkannte den Scharfrichter und war auf


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0040