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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0041
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dessen Besuch nicht gefaßt. Es hatte den Anschein,
als ob die Zusprache des Geistlichen nicht ohne
Wirkung geblieben, denn Göbel fand den Verur-
theilten keineswegs so gefaßt, als er nach den
Schilderungen des Gefängnißwaͤrters hätte erwar-
ten dürfen. Göbel befand sich allein mit Müller
Kasper, denn er hatte den Wärter gebeten, ihn
nicht in die Zelle zu begleiten.
"Kasper," so redete Göbel den Verurtheil-
ten au, "du sollst morgen sterben und vor den
ewigen Richter treten. So eben hat dich der
Geistliche verlassen und er hat dir gewiß vorge-
stellt, was das sagen will. - Trägst du nichts
mehr auf dem Herzen, was du zu bekennen hast,
um als reuiger Sünder vor dem Throne Gottes
erscheinen zu dürfen?"
Kasper schwieg, aber die Beine schlotterten
ihm und er sank auf ben Sessel nieder.
"Du erschrickst und das bestäckt mich in der
Vermuthung, die ich schon länger hege und über
die ich Gewißheit haben will. Kasper, du bist
dein Lebetage ein wüster, schlechter Mensch gewe-
sen und es ist dir ein Mord wohl zuzutrauen,
allein mir ist mancherlei bekannt, was mich glau-
ben macht, daß du nicht alles oder zu viel be-
kannt hast. Bedenke Mensch, daß du nur noch
zwoͤlf Stunden zu leben hast und daß der Sünder,
der mit einer Lüge von der Welt scheidet, nicht
Vergebung hoffen darf vor dem gerechtesten Rich-
ter!"
Diese Worte hatten auf Kasper einen tiefen
Eindruck gemacht. Er erhob sich, legte die mit
einer Kette gefesselte Hand auf die Brust und
sagte mit fester Stimme: "Ich habe den Ren-
danten nicht erschlagen."
"Nicht? - Aber du weißt, wer es gethan!"
" Nein! - Als ich in der Nachmittagsstunde
in den Wald ging, um meinen Stock zu suchen,
hörte ich bald das Gewimmer und Gebell eines
Hundes; ich ging diesem nach und bald erblickte
ich einen Hund, angebunden an einem Baum-
stamm, und einige Schritte davon lag ein Mann
der Länge nach ausgestreckt, mit dem vordern
Theile der Erde zugewandt. Ich trat näher und
gewahrte bald Blutspuren. Im ersten Augenblicke
glaubte ich, dem Manne sei irgend ein Unglück
zugestoßen und ich wollte ihm helfen. Als ich
ihn aber anfaßte und umwendete, sah ich bald,
daß ihm der Schädel ganz zerschmettert war. Er
war schon ganz kalt, woraus ich schloß, daß er
schon vor mehreren Stunden erschlagen sein mußte.
Ich wollte nun zu meinen Kameraden zurückeilen
und ihnen sagen, was mir begegnet, als ich die
Uhr, die Ringe und die Börse gewahrte. Das

reizte mich, ich nahm diese Sachen und war ent-
schlossen, Niemanden etwas davon zu verrathen.
Nachdem ich den Leichnam beraubt hatte, wollte
ich den Hund losbinden, denn das arme Thier
hbeulte fürchterlich und zerrte so heftig an dem
Stricke, daß er sich schier erwürgte, allein die
Furcht, der Hund könnte mich beißen oder mir
nachlaufen, hielt mich ab, ihn zu befreien; auch
sah ich, daß der Strick nicht lange mehr halten
würde, denn er war schon durch das beständige
Reißen und Scheuern des Hundes zerrieben. Das
ist die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe!" -
"Und hast du keine Ahnung davon, wer die
That verübt haben könnte?"
"Nein!" antwortete Müller Kasper ganz be-
stimmt.
Göͤbel versank auf kurze Zeit in Nachdenken.
Die schlichte Erzählung des Müller Kasper trug
für ihn zu sehr den Stempel der Wahrheit und
er zweiselte um so weniger daran, als er bereits
seit einiger Zeit die Vermuthung gehegt hatte,
Kasper könne nicht der Mörder Molnars sein.
"Was aber hat dich denn bestimmen koͤnnen,
dich zu der Tbat zu bekennen?" fragte er jetzt
den Verurtheilten.
"Als ich eingebracht wurde, schloß man mich
allein in ein Gefängniß. Das war mir ganz
unerträglich, so daß ich beinahe toll geworden
wäre. Auch sah ich, daß meine Sache schlecht
stand und daß man mich diesmal, auch wenn ich die
Wahrheit sagte, als überführt, auf viele Jahre in
ein einsames Gefängniß einsperren würde. Dieser
Gedanke war mir so schrecklich, daß ich des Lebens
überdrüssig wurde. Ich bekannte mich als Mörder
und nahm mir vor, dem Tode recht standhaft
entgegenzugehen, damit mich die Leute recht be-
wundern möchten, wenn ich zum Schaffot geführt
würde. "
"Und wirst du morgen auf dem Wege zum
Richtplatze so standhaft sein, als du dir damals
vorgenommen? - Nein gewiß nicht! Du wirst
der neugierigen Menschenmenge nicht als Held
erscheinen, sondern als ein armer Sünder, der
durch das Gewicht eines entsetzlichen Verbrechens
gebeugt und gebrochen in fast bewußtlosem Zu-
stande dem Richtplatze zugeführt wird. Dacam
höre auf mich und denke, es sei Gottes Stimme,
die durch mich zu dir redet. Begehre nochmals
ein Verhör und sprich zum Richter in derselben
offnen Weise, wie du vorhin zu mir gesprochen.
Ich will indeß nicht müßig sein."
Kasper hatte dem Scharfrichter mit großer
Aufmerksamkeit zugehöͤrt und bei der Aufforderung,
nochmals ein Verhör zu begehren, war es ihm,


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