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als müsse er dem Leben wiedergegeben werden.
Denn nicht nur die Liebe zum Leben war in ihm
erwacht, es regte sich auch der Vorsatz in ihm,
ein braver Mensch zu werden und durch einen
tadellosen Lebenswandel sein früheres wüstes Trei-
ben zu sühnen. Er sprach dieses gegen Göbel
aus und bat ihn mit hocherhobenen Haͤnden, die
noͤthigen Schritte zu thun, damit er diesen Vor-
satz verwirklichen köͤnne, zum Frommen aller Mit-
menschen und zu seinem eigenen Heile.
Göbel verließ ihn und verfügte sich zum Rich-
ter, um diesem mitzutheilen, was er soeben mit
dem Verurtheilten gesprochen, und als der Rich-
ter zweifelte und nicht an die Wahrheit des Be-
kenntnisses glauben wollte, verhieß ihm Göbel, den
wirklichen Mörder bald zu stellen.
Schon dämmerte der Abend, als Goͤbel mit
eiligen Schritten der Scharfrichterei sich näherte.
Ohne mit jemanden ein Wort zu wechseln, schlug
er den Weg zu dem Nebenhause ein, in welchem
Johannes wohnte. Geräuschlos trat er in das-
selbe ein und hielt an der Thür, die in Johan-
nes Kammer führte, still, um sich vorher zu ge-
wissern, ob Johannes im Gemache sich befinde.
Er hatte bald die Gewißheit, daß Johannes da-
heim sei, denn er hoörte in der Kammer ein Geräusch,
als ob jemand ächzend und stöhnend sich von Zeit
zu Zeit an Brust und Stirne schlage. Rasch
öffnete Göbel jetzt die Thür und stand plötzlich
vor Johannes. Leichenblaß, mit stieren und ge-
schwollenen Augen stand dieser vor ihm und starrte
ihn eine Weile an. Einige Minuten heftete Gö-
bel seine Blicke auf Johannes und sagte dann
mit fester und erhobener Stimme: "Der Müller
Kasper ist nicht der Mörder Molnars: Du hast
ihn erschlagen!"
Johannes brach zusammen; er sank in seine
Kniee, sein Gesicht bedeckte Göbels Füße.
Längst schon hatte Göbel den Zusammenhang
geahnet und dennoch war er erschüttert von die-
sem Moment, in welchem er Gewißheit erhalten
sollte.
"Johannes," rief er nach einigen Augenbli-
cken, "stehe auf und lege ein offenes Bekenntniß
ab, denn wenn ich auch weiß, was oder wer dich
zu dem Morde veranlaßt, ich muß dennoch dein
Bekenntniß haben, denn es handelt sich darum,
einen Unschuldigen nicht auf dem Blutgerüste ster-
ben zu lassen."
Johannes erhob sein Haupt und seine Hände
zu Göbel und sprach mit flehender Stimme: "Ja
Herr, ich bin der Mörder Moln rs; dieses Be-
kenntniß wird genügen, den Müller Kasper vom
Tode zu retten. Euch will ich auch bekennen,
wie es gekommen, wie ich nicht anders gekonnt,
damit wenigstens ein Mensch auf der Welt ist,
in dessen Augen ich nicht als ein gemeiner Mör-
der erscheine; aber seid barmherzig, behaltet das
für euch, sagt es Niemanden, damit Unschuldige
nicht darunter zu leiden haben." .
"Ich kann dir das nicht versprechen, Johan-
nes, devor ich nicht alles weiß; sage mir,
was du zu bekennen hast; die Hauptsache von dem,
was ich hören werde, habe ich längst geahnt."
Johannes war aufgestanden und begann:
"Als ich an jenem Morgen mit Molnar dem
Walde zuging, sagte mir derselbe, daß er mir
etwas zu verirouen habe und daß ich ihm heute
einen großen Dienst leisten könne. Ich möchte
nur vor der Hand wieder auf die Scharfrichterei
zurückgehen und nach einiger Zeit mich heimlich
und von Niemanden bemerkt an der großen Eiche
einfinden; dort wolle er mich erwarten. Ich konnte
erst um die Mittagszeit abkommen und als ich
an der bezeichneten Stelle eintraf, fand ich Mol-
nar, an die Eiche gelehnt, meiner harrend; sei--
nen Jagdhund hatte er an einem andern Baum
in einiger Entfernung angebunden. Als ich zu
ihm trat, erfaßte er mich bei der Hand, und als
ich ihm dabei in's Gesicht sah, erschrack ich über
sein Ansehen, denn er war blaß und verstört.
Johannes, redete er mich an, ich weiß, daß du
mich und meine Familie lieb hast; nicht bloß,
weil ich dir und deiner Mutter Wohlthaten er-
wiesen, sondern weil ich dir immer ein Freund
gewesen; jetzt ist der Augenblick gekommen, wo
du vergelten, wo du mir und mehr noch meiner
Familie einen Dienst erweisen kannst. Schlage
mir nicht ab, um was ich dich bitten werde,
schwöre mir, daß du erfüllen willst, was ich von
dir begehre; es wird dir wohl schwer werden,
aber es ist dir nicht unmöglich. - Die Art und
Weise, wie Molnar zu mir gesprochen, hatte
mich tief ergriffen; ich schwor, ich wolle thun,
was er von mir begehren würde. Nun wohlan,
begann er, wisse, daß ich ein verlorner Mann
bin; ich habe eine nicht unbedeutende Summe
aus der Kasse, die ich zu verwalten habe, genom-
men und für mich verwendet, es kann nicht län-
ger geheim bleiben und schon in den nächsten
Tagen wird und muß es an den Tag kommen.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu sterben.
Um Gotteswillen, rief ich in großer Herzensangst,
Herr Molnar, Sie werden sich doch nicht ein Leid
anthun wollen? Nein, ich nicht, Du, Johannes,
sollst mich tödten, erwiderte er mir. Ich erschrack
so heftig, daß ich mich kaum aufrecht erhalten
konnte und vermochte nicht ein Wort zu sagen.
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