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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0043
Ich wollte entfliehen, aber er hielt mich fest und
fuhr fort zu sprechen: Bleibe nur und höre mich.
Wenn meine Veruntreuungen entdeckt werden, so

verfalle ich der entehrenden Zuchthausstrafe; das
aber würde viel ärger für mich sein, als der

Tod, ja dieser Gedanke ist mir ganz unerträglich.
Daß ich aber von dir den Liebesdienst verlange,
das hat einen andern Grund. Vielleicht hast du
schon einmal gehört, daß es Lebensversicherungs-
anstalten gibt. In eine solche bin ich eingetre-
ten, damit meine Frau, wenn ich sterbe, eine
bedeutende Summe aus dieser Anstalt erhalte.
Wenn aber ein Versicherter durch Selbstmord
stirbt, dann ist das Geld verfallen, es wird den
Hinterbleibenden nicht ausgezahlt. Du siehst also,
Johannes, daß ich mich nicht selbst tödten darf.
- Nein, nimmermehr, erwiderte ich, werde ich
es thun! Sie, meinen Wohlthäter, Sie, den ich
achte und liebe, wie meinen Vater, sollte ich
tödten? Nein, nein, nein! Er erinnerte mich an
meinen Schwur, und ich sagte ihm, daß ich an
den Eid nicht gebunden sein könne und Gott der
Herr werde mir gewiß den Meineid dereinst ver-
geben. Er bat, er machte mir Vorwürfe, und
ich blieb immer bei meiner Weigerung; da sagte
er endlich: Wohlan, so schwöre ich dir hier, daß,
wenn du meine Bitte nicht erfüllst, ich mich er-
schossen haben werde, bevor du 10 Schritte ge-
gangen. Dann kannst du dich weiden an dem
Unglücke meiner Familie in der Noth, der sie
verfallen wird, an dem Grame meiner Gattin
und dich trösten mit deiner Standhaftigkeit. Ich
bat, ich flehte, er möge doch lieber entfliehen
und das Leben zu retten suchen, allein es half
alles nichts; er schalt mich einen Undankbaren,
er brachte mich zur Verzweiflung; da erfaßte ich
endlich seine Jagdflinte und legte auf ihn an. -
Halt, rief er, nicht erschießen, erschlagen mußt
du mich! - Ich sank auf meine Kaiee, ich bat
ihn händeringend, nicht so Entsetzliches von mir
zu begehren, allein es half nichts; er bewies mir,
daß es möglich sei, sich von jeder Seite selbst
einen Schuß beizubringen und daß hier schlechter-
dings der Verdacht, er sei ein Selbstmörder, nicht
auffommen dürfte. Er gab mir selbst eine Keule
in die Hand, ermahnte mich, unter keinen Um-
staͤnden zu verrathen, was vorgefallen, dankte
mir im Voraus mit herzlichen Worten für den
Liebesdienst und - es war geschehen."
Es trat eine längere Pause ein. - Johan-
nes hatte sein Herz erleichtert, die gewaltige Last,
die ihn fast erdrückt hatte, war von ihm gewälzt
und mit fragendem Blicke schaute er auf Göbel,
wie er nun entscheiden würde. Dieser hub end-

lich an: "Der Müller Kasper darf nicht sterben
und er ist nicht anders zu retten, als wenn vor
Gericht du als Mörder dich bekennst. Es ist
keine Zeit zu verlieren und ich gehe jetzt, meine
Pflicht zu thun. Ich werde vor dem Criminal-
gericht erklären, daß Müller Kasper den Rendan-
ten nicht erschlagen, daß du dich mir als Mör-
der angegeben. Was weiter ausgesagt werden
muß, oder was verschwiegen bleiben kann, mag
von den Umständen abhängen. Ich befehle dir
diese Kammer nicht zu verlassen, bis ich zurück-
gekehrt sein werde.
Göbel verließ das Gemach und verfügte sich
auf das Criminalgericht. Nach Verlauf einer
Stunde betrat er mit zwei Gerichtsdienern wie-
der die Scharfrichterei. Johannes hatte dem
Befehle Goͤbels gehorcht; er hatte das Gemach
nicht verlassen. Sie fanden ihn aber nicht le-
bend - er hatte sich gehaͤngt. Auf einem Tische
lag ein Blatt Papier, worauf Johannes die
Worte geschrieben hatte: "Ich, Johannes Hille,
habe den Rendanten Molnar erschlagen und büße
das mit freiwilligem Tode."
Göbel stand tief erschüttert; er empfand erst
jetzt recht deutlich, welche Theilnahme der unglück-
liche Johannes in seinem Herzen gefunden, und
doch mußte er sich sagen, daß der Himmel es so
am besten gefügt. Er sah sich nicht weiter ver-
anlaßt, von dem, was Johannes ihm anvertraut,
etwas auszusagen und er hat das Geheimniß
mit in das Grab genommen.
Müller Kasper aber wurde nach einiger Zeit
in Freiheit gesetzt. Er ist ein braver Mensch
geworden.

) Lebenslauf eines Wühlers.

(Eine wahre, aus der jüngsten Zeit gegriffene Geschichte,
mit einer Abbildung.)
Der Leser erinnert sich gewiß, im Verlaufe
unseres inhaltreichen Jahres in Zeitungen und
Flugschriften viel von "Wühler”" und "Wüh-
lereien" gelesen zu haben; es ist diese Bezeich-
nung ein treffender Namen geworden, für jene
Subjekte, welche es sich zur Aufgabe gemacht
haben, im Drange des Uebermuths oder, um
den eigenen ehrgeizigen Zwecken zu fröhnen, den
Frieden des Vaterlandes zu stören, dem Gesetze
die Achtung zu rauben und somit das Glück ih-
rer Mitmenschen zu untergraben, so wie der
Maulwurf einiger Wurzeln halber des Gärtners
Fleiß und Mühe, sein Blumenbeet unterwühlt.


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