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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0044
der Wühler in seiner Vollkommenheit. Vor
dem Diebe, vor dem Räuber und Mörder kann
ich mein Haus verschließen, kann ich mich schü-
tzen auf meinen Lebenswegen, vor dem Wühler
konnte es bis jetzt der größte Theil des Volkes
nicht.
Er drang ein, in alle Wohnungen und unter
allen Gestalten, unter der Maske der Freund-
schaft und der Liebe, der Hülfe und der Rettung,
des Schutzes und der Großmuth, im Gewande
des Lehrers und des Beamten, des Gelehrten
und des Bürgers; sein Gift theilte er aus in
den süßesten Worten, bherrlichsten Versprechungen,
in den lockenden Phrasen von Glück und Wohl-
stand, von Reichthum und Genüssen und be-
täubte so das Herz und die Vernunft. Seinen
Bestrebungen, so wie es nun die Erfohrung
gelehrt, lag größtentheils der Eigennutz zu Grunde.
Der leichtgläubige Bürger mußte die Maschine
abgeben bei Ausführung seiner ehrgeizigen Plane.
So wie jener Affe die Pfoten der Katze ge-
brauchte, um die gebratenen Kastanien aus dem
Feuer zu holen, so sollte der Bürger Leben und
Eigenthum für ihn auf das Spiel setzen, um
dann im Falle des Gelingens oder Nichtgelin-
gens immer die Zeche zu bezahlen.
Er ist allen reinen und edlen Geschäften fremd,
kennt nur sich und seine Pläne; er will herrschen
und befehlen; sein ganzes Dichten und Trachten
geht nur dahin, zu Reichthum und Ruhm zu
gelangen. Zur Erreichung seines Zieles gilt ihm
jedes Mittel gleich und kömmt er in Gefahr,
so verräth er, um sich selbst zu retten, feiger
Weise noch seine Freunde.
Damit nun der Leser einen kleinen Begriff
von einem Wühler bekomme, so schildert in
folgender Erzählung der Wandersmann die Wirk-
samk it, das Leben und das Ende eines Pracht-
exemplars von dieser Sorte mit dem Wunsche,
es möge ihm gelungen sein, denselben so gezeich-
net zu haben, daß der freundliche Leser nicht
viel Vergleiche anzustellen braucht, um Diesen
oder Jenen, der auch an ihm schon seine Kunst
übte, daraus zu erkennen.

Der Wühler geräth an die Angel.

Die Volksversammlung zu O. war zu Ende.
Mit mehreren seiner jungen Freunde hatte der

Unterlehrer Streitbacher ihr angewohnt. Es

war das erste Mal, daß der talentvolle junge
Mann dieses öffentliche Wirken in der Nähe
beschaute, Gestalten, die er seither kaum dem
Namen nach kannte, Ideen, die dem stillen, von

Es gibt keinen gefährlicheren Menschen, als

seinem Pflegevater, dem Pfarrer Wils in St.,
in patriachalischer Einsamkeit erzogenen Jünglinge
durchaus fremd waren, traten hier vor ihm auf,
und in einer Weise, welche Herz und Sinne auf-
regten und mächtig auf ihn wirkten.
Noch ganz betäubt von dem maͤchtigen Ein-
drucke trat er den Heimweg an. Es war Nacht
geworden bei Abhaltung der großen Reden.
Während die Meisten dem Wirthshause zuström-
ten, befand er sich bald draußen in Gottes freier
Natur.
Der Mond trat eben hinter den Wolken her-
vor und beleuchtete mit seinem Silberschein die
Landschaft. Oede Felder, Waldung und Ge-
strüppe bot die Umgegend dem forschenden Auge
dar, es war jener Theil des Landes, der von
der Natur etwas vernachlässigt, Zeugniß von
theilweiser Armuth und häufigeren Elendes dar-
bietet.
Schweigend schritt er dahin, voller Gedanken.
Was er den Tag über erlebte, zog an seinem
Seelenauge vorüber. Die Mähre von dem Elende
des Landes, die Schilderungen von der Unter-
drückung des Volkes, das er bis heute frei und
nur in den Banden sriner eigenen Leidenschaften
gefesselt wähnte, erregten ihn lebhaft. "Ist es
wirkiich so?" frug er sich selbst im Zweifel,
"liegt all diese Noth und dieser Jammer, von
welchem ich hörte, der Regierung zur Last? Sind
unsere Einrichtungen bis jetzt nicht frei genug
gewesen, daß sich der Wohlstand des Volkes un-
ter ihrem Schutze hätte entwickeln können? Ist,
was ich seither für schuldigen Gehorsam nach
den Rechten der Natur, der Vernunft und dem
Gesetze hielt, blos ein gedrückter leidender Zu-
stand, unfähig, sich zu halten? Ich bin nicht im
Stande, die Wahrheit dieser Sätze zu ergründen,
wenn ich aber daran denke, wie wahr der eine
Redner die Noth der Volksschullehrer schilderte,
wie sie sich plagen und kümmern, während die
Geistlichkeit so reich bedacht ist, wie man uns
die freie Bewegung auf dem Felde der Lehre
hemmt und verbietet, den Geist in Formen ein-
zwängt, die er vergebens zu durchbrechen strebt,
und wie durch diese neuen politischen Bestrebungen
und die daraus entspringenden Reformen wir in
Zukunft besser belohnt werden sollen! - Dann,
ja dann muß ich doch wieder glauben, es ist,
wenn auch nicht Alles, doch Vieles wahr, was
gesprochen wurde und es müssen redliche Männer
sein, die auf diese Weise die Noth des Volkes
zu lindern streben. Aber die Regierung, sollte
die des Volkes vergessen haben? - Unmöglich!
Unterstützte sie nicht voriges Jahr die Gemeinden


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