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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0045
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beim Hagelschlag, ist nicht eine Eisenbahn durch
unsere Gegend im Werke? Aber setzte sie nicht
auch den jetzigen Pfarrer in unsere Gemeinde,
meinen ewigen Plagegeist und strengen Beauf-
sichtiger? Nein, die Regierung ist im Unrechte
und sollte es auch nur des Pfarrers wegen sein!
Seine letzten Gedanken waren durch die innere
Aufregung laut geworden und er bemerkte daher
auch nicht, daß ihm Jemand nachfolgte und den
Schluß derselben vernommen hatte.
"Guten Abend, Herr Lehrer!" grüßte den
Ueberraschten der Angekommene. Streitbacher
dankte und schaute dem Grüßenden ins Gesicht.
Es war der Sohn des Rößelwirths Stößi, ein
im Erxamen durchgefallener Candidat der Theo-
logie, bekannt in der ganzen Umgegend als Trun-
kenbold und lüderliches Subjekt. Der Lehrer

batte nicht gerne mit ihm zu thun, doch konnte

er dem Haͤndelsüchtigen hier nicht gut ausweichen.
"Sie haben einen gewaltigen Zahn auf den
Pfarrer!" hub er mit lauerndem Blick an zu
sprechen, "nun, erschrecken Sie nicht, auch ich
kann das schwarze Geschmeiß nicht leiden," fuhr
er fort, als er des Lehrers Verlegenheit bemerkte,
"sie haben heute aber bei der Versammlung ihr
Fett abgekriegt, nicht wahr? Nur 'raus mit der
Farbe, ich weiß ja ohnehin Ihre Gesinnung und
unter Gesinnungsfreunden, Sie verstehen mich,
muß die Aufrichtigkeit vorherrschend sein."
Des Lehrers Verlegenheit wurde über diesen
vertraulichen Ton noch größer. Leugnen konnte
er nicht, was der Andere gehört hatte, und in
den angeschlagenen Ton einzustimmen, das konnte
er auch nicht über sich gewinnen. Da faßte ihn
Stößi unterm Arme, und als wären fie
längst Bekannte zog er ihn mit lustigem Ge-
spräche weiter. "Was brauchst Du Dich zu ver-
stellen, Herzensbruder," flüsterte er dem Erstaun-
ten ins Ohr, "ich weiß, wo Dich der Schuh
drückt, Du bist ein armer Teufel, der Pfarrer
verfolgt Dich und Du fürchtest Dich mit der
Sprache herauszurücken, hast Angst vor Verrath,
möchtest auch gerne des Altenmaiers Bärbel-
chen heirathen, habt aber kein Geld und bist
doch ein Kerl von Verstand und Kenntnissen;
schlag ein, helfe am großen Werk der Befreiung
arbeiten, Du hast eine Rednergabe, solche Leute
kann man brauchen, Du machst Dein Glück!
Gelingt unser Vorhaben, bekommst Du eine hohe
Stelle und Geld vollauf! Willst Du, so folge
mir heute Nacht noch auf meine Stube; wir stei-
gen über den Gartenzaun, daß man nichts ge-
wahr wird und Du wirst Dein Wunder sehen,
was im Werke ist.

Streitbacher war unschlüssig, der Student
drängte, er dachte an seine unvorsichtigen Worte,
welche Letzterer gehört hatte und mißbrauchen
könnte, und fühlte sich unwillkürlich in der Ge-
walt des Versuchers.
Die Lichter des Dörfchens blitzten jetzt durch
die Bäume und die zwei Neuverbündeten schlu-
gen einen Seitenweg nach Stößi's Wohnung
ein.

Des Wühlers erster Schritt auf der
neuen Bahn.

Ein heiterer Morgen war schon längst an-
gebrochen, im Dörfchen schon Alles im fleißigen
Treiben und der Hornruf des Hirtten verkündete
auch den Vierfüßlern ihren lustigen Gang in das
Freie. Streitbacher hatte sich soeben gegen
alle Gewohnheit spaͤt erhoben und trat herunter
in den Garten. In seinem Kopfe war es wüst
und öde, er war erst gegen Tag ins Bett ge-
kommen, hatte mit dem Studenten noch einen
Krug Bier trinken müssen und dieses, verbunden
mit den streitenden Gedanken, welche seit gestern
ihn durchwogten, verursachten bei ihm das Miß-
behagen. Zum ersten Male war ihm die Aus-
übung seines Berufes eine Last, mürrisch behan-
delte er die Kinder und bestrafte ihre kleinsten
Fehler mit seltener Strenge, so daß die Kleinen
in Angst und Zittern ihre Aufgaben hersagten.
Mit Sehnsucht sah er der Stunde entgegen, wo
die Schule geschlossen wurde, aber eine andere
Prüfung stand ihm noch bevor. Knapp vor dem
Schlusse der Schule öffnete sich die Thüre und
der Pfarrer trat herein. War er sonst ein ern-
ster Mann, so lag heute sein Gesicht in noch
strengeren Falten, und diese Zeichen verkündeten
dem Lehrer nichts Gutes. Der Angekommene
grüßte ihn, er dankte ihm höflich, aber verwirrt,
und Jener winkte ihm dann, mit ihm in die
Fenstervertiefung zu treten.
"Sie waren gestern bei der Volksversamm-
lung in O.?" frug er hier und blickte dem Leh-
rer forschend in das Auge, welcher zögernd die
Frage bejahte. "Habe ich Ihnen nicht schon
längst zu verstehen gegeben, daß ich derlei nicht
wünsche, ich bin ein entschiedener Feind dieser
öffentlichen Schauspiele, wo jeder unzufriedene
Sprudelkopf seiner Eitelkeit fröhnt und die Menge
bethört, dieses Tummelplatzes ultra-radikaler
Wühler, wo unausführbare Ideen und verführe-
rische Phrasen und Redensarten ihr Wettrennen
halten, wo man das Volk für eine Freiheit
heranbilden will, die nie verwirklicht werden
kann, und welche nur in den Küpfen dieser poli-


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