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tischen Gaukler existirt; und besonders ist es des
Lehrerstandes unwürdig, daß er sich seit neuerer
Zeit an diesen Bestrebungen betheiligt, jenes
Standes, dessen Beruf es ist, mit gutem Bei-
spiele voranzugehen, zum Frieden und Vertrauen
zu ermahnen und hauptsächlich da zu wirken, wo
er hingehört, in der Schule." Der Pfarrer
schwieg und machte nachdenkend einige Gänge
durch die Stube. Der Lehrer kämpfte mit sich
selbst, ob er diese Mahnung erwidern solle oder
nicht, er fühlte sich gekränkt durch den Ton, in
welchem sie ausgesprochen wurde, und durch die
Schilderung einer Versammlung, welche nach
seiner Meinung doch nur Gutes bezwecken wollte,
und weitentfernt, den Wahrheiten, die, freilich in
derber Sprache ausgesprochen wurden, Raum in
seinem Herzen zu geben, suchte er bei sich die-
selben zu schwächen und daraus zu verdrängen.
"Stößi hat Recht, sie sind unsere Tyran-
nen!" sagte er zu sich selbst, "fasse Muth, ein-
mal muß es doch brechen, du bist Mann, zu
was diese Behandlung!" Mit niedergeschlagenem
Blicke, aber fester Stimme, antwortete er jetzt
seinem Vorgesetzten. "Meine Anwesenheit bei
der Volksversammlung hatte nichts Anderes zum
Zwecke, als mich über den Stand der Verhält-
nisse im Vaterlande zu belehren. Ich fand für
wahr, was man dorten sprach, besonders über
den Lehrerstand, und finde es in diesem Augen-
blicke an Ihrer Behandlung bestätigt. In der
Schule habe ich meine Schuldigkeit gethan, meine
übrige Zeit gehört mir!" Mit Erstaunen hörte
ihm der Pfarrer zu, das Erstaunen ging in
Schmerz über bei dem Schlußsatze, den Streit-
bacher in herausforderndem Tone sprach. "So
weit sind wir also auf der neuen Bahn schon
gekommen! Hat das Gift schon solche Wirkung
gethan! Mein Gott, wer hätte dies gedacht;"
entgegnete ihm jetzt der Pfarrer mit betrübtem
Lächeln, "Streitbacher, Ihr verstorbener
Pflegevater, jener Ehrenmann, dem Sie Alles
zu verdanken haben, hat mir Sie auf die Seele
gebunden, meine Ermahnungen sind aͤcht väter-
liche, lassen Sie selbe nicht vergebens an Sie
ergangen sein; es entspringt aus dieser Saat,
welche von den selbstsüchtigen Unzufriedenen aus-
gesäet wird, keine goldene Frucht, bleiben Sie
treu Ihrem Berufe, folgen Sie meiner Erfah-
rung, widmen Sie Ihr Talent den Menschen,
indem Sie sie bilden in der Schule, dort, auf
den politischen Schaubühnen werden sie verbildet,
dort verlieren sie ihre wahre Freiheit, indem
sie beherrscht werden von goldenen Traäͤumen und
Hoffnungen!"
Streitbacher erwiderte nichts; er hatte sich
schon zu sehr dem neuen System der Lüge erge-
ben, als daß die Rede eine Wirkung haͤtte her-
vorbringen können; seine Eitelkeit war dadurch
angegriffen, als verstehe er nicht das Gute von
dem Schlimmen auszuscheiden und gespannt schie-
den zuletzt Lehrer und Vorgesetzter von einander,
der Eine in der Hoffnung, dennoch mit der Zeit
den Jüngling belehren zu können, und der Letz-
tere in der Hoffnung, seine neuangenommenen
Grundsaͤtze noch mehr zu befestigen.
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Des Wühlers Hoffnungen.
Einige Tage nach dem Auftritt mit dem Pfar-
rer, erhielt Streitbacher einen Brief aus H.
von Stößi, der sich seit einigen Tagen dort
aufhielt. Neugierig, was ihm der Student wohl
schreiben würde, öffnete er denselben und las fol-
gende Zeilen:
"Lieber Bruder!
Ich lebe hier in dulce jubilo, bei köstlichem
Bier und fidelen Freunden, jeden Tag ein ande-
res Gelage, eine neue Freude. Aber im Stru-
del des Vergnügens habe ich Dich und unsere
Sache nicht vergessen. Hofrath W., ein eifriger
Schürer an dem zukünftigen Revolutionsbrande,
ist auf Dich aufmerksam gemacht, der Wahlact
ist vor der Thüre, er kommt mit dem Nestor der
Freiheit, mit dem alten J., hinüber zu uns; bei
dieser Gelegenheit kannst Du die ersten Lorbeeren
für Dich erringen. Studiere fleißig die A-
zeitung, sie ist das goldene Buch der Freiheit,
einiger Lügen abgerechnet, die aber als Mittel
zum Zwecke nothwendig sind. Bereite das dumme
Kaffernvolk vor auf die neuen Wahlen, damit
wir leichteres Spiel haben und Deine übrigen
Wünsche werden auch später in Erfüllung gehen.
Auf baldiges Wiedersehen
Dein Freund Stößi.
Apropo, was macht Dein Tyrann, der Pfar-
rer? - Krieg sei zwischen Euch!"
Stolze Freude durchzog die Brust des Lehrers,
als er das Schreiben gelesen. Hatten nicht zwei
Männer von ihm gesprochen und Erwartungen
auf ihn, den jungen Dorfschulmeister gesetzt? -
Zwei Männer, deren Namen in Deutschland so
viel genannt und gedruckt worden, welches Heil
kann nicht aus dieser Bekanntschaft für ihn er-
sprießen? Er gedachte seiner Liebe zu der Tochter
des unbemittelten Pachtbauers und fand auch für
diese in seinen neuen Verhältnissen einen günsti-
gen Erfolg. Im Drange seiner Gefühle verließ
er seine Wohnung und begab sich hinab an den
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