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Mühlenteich, um Baͤrbchen seine erfreulichen Mit-
theilungen zu machen.
Trotzdem, daß man im ganzen Dorfe schon
Feierabend gemacht hatte, saß Baͤrbchen noch flei-
ßig am Fenster und nähte Hemden für den Va-
ter, der unter der hohen Linde vor dem Hause
saß, sein Pfeischen rauchte und sich mit den jun-
gen Burschen der Nachbarschaft unterhielt. Sie
grüßten den Lehrer freundlich, als er vorüberschritt,
einige aber folgten seinem Eintritt in das Haus
mit scheelen Blicken.
Das Mädchen schlug freundlich die blauen
Augen auf und grüßte ihren Schatz, der noch
bewältigt von dem Eindrucke des Schreibens und
der natürlichen Lieblichkeit des Mädchens, das-
selbe am Kopfe nahm und herzlich küßte. "Freu'
Dich Bärbchen!" rief er begeistert, "freu' Dich,
bald werden wir uns einander ganz angehoͤten
können! bald wird das Glück für uns anbrechen!"
Voll Verwunderung starrte ihn die Kleine an.
"Geh', Du bist heut' wieder g'schuppt," erwi-
derte sie ungläubig, "wie soll denn dieß kommen
so auf ein Mal, und gerade jetzt," setzte sie be-
trübt hinzu, "habe ich wenig Hoffnung mehr,
denn der Vater beklagt sich sehr über Dich, er
sagt, Du vernachlässigst die Schule und hängst
dem Luftikus, dem Scharrwenzler, dem Student
an, und das gäaͤb einmal nichts Gutes!" Sie
heftete dabei den Blick wieder auf ihre Arbeit
und suchte, bei allem dem, daß es schon stark
dunkelte, fortzunähen.
Betroffen hörte der Lehrer diesen Vorwurf,
besann sich einen Augenblick, dann des Mäd-
chens Hände fassend, erwiderte er fast beleidigt:
"O, ihr Kurzsichtigen, die ihr nicht wißt, was
um euch vorgeht, was ihr für ein Unglück für
mich haltet, ist gerade mein Glück!" Und nun
erklärte er dem harmlosen Mädchen seine Be-
strebungen und die damit verknüpften Hoffnun-
gen, zeigte ihr zum Schlusse noch den Brief,
und was glaubt die Liebe nicht gerne? Auch in
ihre Brust senkte sich dadurch der Strahl der
Freude und als sie nach einer Stunde schieden,
nahmen sie im seligen Gefühle ihres baldigen
Glückes Abschied.
Der Wühler fängt zu wühlen an.
Um sich seiner neuen Gönner zu versichern,
waren es Streitbachers erste Gedanken bei
seiner Ankunft in seiner Wohnung, sich einen
Plan zu machen, wie er auf das vortheilhafteste
für ihre Sache wirken könne. Die ultra-radi-
kalen Zeitungen, welchen er seit jener Volks-
versammlung seine meiste freie Zeit widmete,
boten ihm hierzu die besten Mittel. Da er es
zuletzt verschmähte, die Blätter anderer Farben
zu lesen, so drang das Gift der Unzufrieden-
heit, seine tägliche Speise, immer mehr zu sei-
nem Herzen, und er, der früher gewohnt war,
auch auf der anderen Seite ein Recht und Tu-
genden zu finden, wurde somit bis in die
Seele angesteckt von dem Revolutionsfieber und
hatte bald keine andere Ueberzeugung mehr, als
die in jenen Zeitungen niedergelegte. In die-
sem Sinne gründete er nun Lese-, Turn- und
Gesangvereine. Zwar sträubte sich von Anfang
der gesunde Sinn der Bauern, welche Ruhe
und Ordnung nach ihren herkömmlichen Sitten
liebten, gegen diese Neuerungen; doch Stößi
hatte ihn richtig beurtheilt, seine Rednergabe
überwand alle Schwierigkeiten, und bald hatte
er fünf Ortschaften zu seinem Streben vereinigt.
Nun fing auf einmal in den abgelegenen
Dörfern ein politisches Leben und Treiben an,
welches bis jetzt in diesen Gegenden ein uner-
hörtes war. Man las und disputirte mehr über
den Staatshaushalt, mehr über allgemeine Welt-
fragen, mehr über politische Projecte ꝛc., als
über nützliche Fragen der Landwirthschaft. Der
Geist der Unzufriedenheit faßte Wurzel und ver-
breitete sich bald auf wucherische Weise. Die
Handlungen der Regierung waren bald keine
volksfreundlichen mehr, sondern volks-
feindliche. Der schuldige Beitrag zum Staats-
haushalte, gepreßtes Blut der Unter-
thanen, selbst die Heiligkeit der Religion,
dieses Gebäude, das Jahrtausende steht, war
vor Angriffen nicht sicher und wurde angefeindet
auf jede mögliche Weise. Die Jugend zog auf
Gesangfesten umher, sang Freiheitslieder, und
schwelgte bei den jederzeit darauf folgenden Trink-
gelagen, um hernach die ersten Tage der kom-
menden Woche zur Arbeit nur halb tauglich zu
sein. Aber die Seele des Ganzen, das Trieb-
rad aller dieser Bewegungen und Vorgängen,
war der Lehrer Streitbacher. Ueberall
hatte er seine Fäden ausgesponnen, zum Netze,
für das nicht urtheilsfähige Landvolk; Alles
ging durch ihn, oder kam von ihm. Bald hatte
er die Aufmerksamkeit der radikalen Wortführer
der Nachbarschaft auf sich gezogen. Sie schlos-
sen sich an ihn an und wirkten mit ihm. Sein
einschmeichelndes Wesen, seine Reden und den
Schein des größten Rechtes, den er seinen Sä-
tzen stets beizulegen wußte, erwarben ihm eine
Menge Anhänger und Verehrer. Aber die Schule,
ja die Schule, wurde von ihm fast als Neben-
sache behandelt.
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