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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0048
Wohl schüttelte der Pfarrer das Haupt, wohl
suchte er diesem Verderben entgegen zu wirken,
aber zu spät, seine Worte fruchteten nichts mehr,
denn Streitbacher hatte dem tüchtigen
Manne, dem wahren Seelenhirten, schon längst
bei den Bauern das Ansehen genommen. Auch
Altenbacher war auf die Seite seines zu-
künftigen Schwiegersohnes getreten. Da kam der
Tag vor den Landtagswahlen heran. Eine Ver-
sammlung der Wahlmänner wurde in dem Bezirke
ausgeschrieben. Die bedeutendsten Männer der
Linken der zweiten Kammer versprachen derselben
anzuwohnen. Große Vorbereitungen wurden
getroffen, einen nicht unbeträchtlichen Theil da-
von übernahm Streitbacher. Petitionen
sollten entworfen und das Volk dem Ziele einen
Schritt näher gebracht werden. Der Lehrer sah
dem Tage insbesondere mit großer Spannung
und nicht ohne einige Bangigkeit entgegen, denn
auch er hatte sich vorbereitet, zum ersten Male
wollte er sich vor einer großen Versammlung
hören lassen, und als Volksredner neben den
bereits bekannten und berühmten Größen auf-
treten.
Einladungen wurden ausgeschrieben, und in
Schaaren strömte das Volk in das Amtsstädtchen.
Stößi hatte ihm geschrieben, daß er, von ei-
ner großen radikalen Missionsreise zurückkehrend,
bei der Versammlung erscheinen werde.
Am Morgen des verhängnißvollen Tages
spannte Altenbacher seinen Schimmel ein,
und nachdem er die Peitsche zum Abschiede tüch-
tig klappern ließ, rollte er mit Bärbchen, dem
Lehrer und einigen Nachbarn vergnügt zum Dorfe
hinaus. Viele Andere waren schon zu Fuße vor-
ausgegangen. .

Die Landstraße war schon lebhaft; von allen
Seiten kamen Leute herbei, um das neue Evan-
gelium der Freiheit verkünden zu hören. Viele
grüßten den Lehrer höflich, denn er hatte sich
schon ordentlich den Ruf eines Volksmannes bei
den Bauern erworben, und wo es fehlen wollte,
halfen seine Freunde mit Lobeserhebungen über
ihn nach. Bärbchen wurde oft über und über
roth über die Ehre, die ihrem Zukünftigen wi-
derfuhr, und schmiegte sich traulich an seine Seite,
innig vergnügt, wenn die Vorübergehenden se-
hen konnten, welches Recht sie an den Geachte-
ten hatte. So kamen sie im Städtchen an. Am
Thore kam ihnen schon der Student entgegen,
er flüsterte dem Lehrer einige Worte ins Ohr,
und nachdem dieser den Mitgekommenen bedeu-
tete, er habe noch einen wichtigen Gang zu ma-

chen, sie möchten ihn im Versammlungssaale er-
warten, ging er mit Stößi davon.
Bärbchen schaute ihm betrübt nach, sie hatte
geglaubt, er werde auch hier nicht von ihrer
Seite gehen, und ihr, der Unerfahrenen, Unter-
haltung und Belehrung verschaffen, und nun
ging er dahin mit einem Menschen, der ihr von
je her zuwider war. Still, und ihren Gedan-
ken nachhängend, fuhr sie mit dem Vater in das
Wirthshaus, wo der Schimmel eingestellt werden
sollte. Hier folgte eine Ueberraschung auf die
andere, lauter Bekannte von Nah und Ferne
hatten dem freundlichen Wirthshausschilde zur
Sonne gefolgt, und es ging an ein Grüßen
und Händedrücken, daß es eine helle Freude war.
Auch Altenbacher hatte einen Freund aus
früheren Tagen gefunden, es war der Müller
von S., der mit seinem Sohne, einem
kräftigen Burschen herunter gefahren war. Die
Alten grüßten sich herzlich und stellten sich ihre
Kinder vor, welche sich beide etwas verlegen die
Hände drückten. Man trank Bier und war gu-
ter Dinge, erzählte von Vergangenheit und Ge-
genwart, auch Peter Dammbacher, so hieß
der Müllerssohn, war bald mit Bärbchen im
Gespräche. Er erzählte ihr, wie sein Vater kein
Freund von diesen Aufzügen sei, aber doch ihm
zu liebe einmal einer Versammlung anwohnen
wolle. "Wir sind zwar noch nicht so fürchterlich
aufgeklärt, wie Ihr im Unterlande, aber seht,
wir sind aber auch ein klecklich Theil zufriede-
ner!" war der Schluß.
Bärbchen hatte dem Burschen, der sich zwar
nicht so gewählt, aber ihr darum gerade mehr
zu Handen aussprechen konnte, freundlich zuge-
hört. Es war so viel Wahres in seinen Wor-
ten, fand sie doch selber, daß die frühere Ge-
müthlichkeit in ihrem Hause verschwunden war,
seit der Vater mit Streitbacher den Ver-
sammlungen nachlief. Sie wollte gerade etwas
erwidern, als die Nachricht kam, daß die Sitzung
ihren Anfang nähme.
Zagend trat Bärbchen in das Menschenge-
wühl im Versammlungssaale, ängstlich irrten
ihre Blicke, nach dem Geliebten spähend, umher.
Endlich fand sie ihn, er war, von vielen Stadt-
herren umringt, im eifrigen Gespräche. Der Va-
ter hatte eine Bank gefunden in der Nähe der
Rednerbühne, und als sie sich niederließen, er-
schien der Lehrer mit freudestrahlendem Ge-
sichte.
5 Was hatte er ihnen nicht Alles zu erzählen
von dem Empfang, der ihm wurde bei den be-
rühmten Herren; der alte J. hatte ihm freund-


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