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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0049
lich die Hand gedrückt, und die inhaltschweren
Worte zu ihm gesagt: "Wenn solche jungen Bür-
ger sich der allgemeinen Sache des Vaterlandes
annehmen, dann dürfen wir Alten ruhig sein,
über die Abnahme unserer Kräfte, die Freiheit
geht dann nicht verloren!" Auch der berühmte
Redner Dr. H. hatte ihn aufmunternd gegrüßt,
ebenso M. und St. Er war glücklich und voll
seliger Hoffnnngen; Stößi hatte ihn auch als
Redner einschreiben lassen, und als die Klingel
des Präsidenten ertönte, ließ er sich an Alten-
bachers Seite nieder.
Die Reden begannen. Vieles wurde gespro-
chen und verhandelt mit feurigen Worten und
glänzenden Redesätzen. Die Bauern hörten er-
staunt zu, spendeten den allgemeinen Phrasen
von Steuerlast, Beamtendruck und Preßzwang
lauten Beifall, und waren glücklich, daß so ge-
lehrte Herren für sie zu sprechen kamen. Aber
auch Mancher schaute durch die Karten und sah,
daß diesen Bestrebungen eben nichts als Eigen-
nutz und Eitelkeit zu Grunde liegt und konnte
darum nicht mit einstimmen in das öffentliche
Lob. Endlich kam auch Streitbacher an die
Reihe, Bärbchen wurde über und über roth, als
der Präsident seinen Namen verkündigte und er
die Rednerbühne bestieg. Seine Stimme war
von Anfang schwach und ängstlich, als er aber
von allen Seiten aufmunternde Blicke gewahrte,
als man ihm bei einigen Stellen Beifall zollte,
da wuchs sein Muth und Vertrauen und immer
lebhafter und immer kräftiger reihte sich Wort
an Wort, Satz an Satz und Bild an Bild.
Grell schilderte er den Zustand der Landleute,
Lasten, welche die Bauern bis jetzt kaum gefühlt
hatten, wurden durch ihn zu den schwersten Pla-
Fen. Die Beamten, ohne welche ja kein ordent-
licher Staat bestehen kann, wurden in seinem
Munde Blutsauger, die Geistlichkeit an dem
Stamme der Menschheit klebende Schmarozer-
pflanzen, das Landesgesetz, Landesverrath, die
gesetzliche Freiheit, rechtswidriger Zwang, die
Fürsten, Tyrannen ꝛc. Alles hörte mit Erstau-
nen und Verwunderung zu, oft wurde er durch
Händeklatschen und Bravorufen unterbrochen,
und als er endlich mit den Worten schloß: "Ja
es muß anders werden, die Großen müssen nicht
mehr herunter, sondern herauf zum Volke steigen,
das ihnen neue Vorschriften machen wird! Die
Zeit der Geduld ist zu Ende, frei müssen wir
werden!" da war des Beifalls kein Ende mehr,
der Lehrer wurde fast von der Menge zu seinem
Platze getragen.
Die Versammlung wurde mit dem Entwurf

einer großen Petition geschlossen. Man begab
sich wieder zurück in die Wirthshäuser; auch Al-
tenbacher suchte sich mit seinem Jugendfreunde
eine Erquickung zu verschaffen. Der Lehrer wurde
zu Herrn J. gerufen und versprach bald nach-
zukommen. Bärbchen wurde ordentlich stolz durch
das Lob, welches noch auf der Straße ihrem
Bräutigam gespendet wurde, ihr Herz pochte
ungestüm, still und nachdenkend ging aber Peter,
der junge Müller, ihr zur Seite.
Im Wirthshause war fröhliches Getümmel;
man aß und trank und war guter Dinge, im
großen Widerspruche mit dem eben erst geschil-
derten Elende. Altenbacher lobte die Volks-
männer, der alte Müller aber nannte sie Volks-
verführer, sein Sohn drückte sich noch herber
aus, er sagte: "sie seien der eigentliche Antichrist,
der gekommen sei, Wirrsal und Jammer unter
die Menschen zu bringen." "Wir Bauern gehö-
ren an den Pflug und in die Tenne," fuhr der
Alte fort, "es ist ein Unglück für das Land,
wenn jede Reithacke und jeder Pflug schier mit-
helfen will zu regieren, wenn jeder unzufriedene
Kopf glaubt, das Recht zu haben, seine Galle
gegen Regierung und Obrigkeit auszuspritzen!
Schau, da haben wir es in unserer Gemeinde
anderst; unser Pfarrer, den wir aber keinen
Schmarozer heißen, wie ich heute hörte, daß die
Herren es thun, der hat uns ein Buch gebracht
von einem großen Freiheitsmann in Amerika,
Washington, glaub' ich, heißt er, der sagt, so
viel ich mit meinem Bauernverstand hab' behal-
ten und verstehen können: "Es ist der wahren
Freiheit nichts gefährlicher, als wenn eine Anzahl
ränkesüchtiger, unzufriedener Menschen mit ehr-
geizigen, gewinnsüchtigen Plänen sich zusammen
thun und erlauben, jede Regierungsmaßregel zu
bekritteln und zu begeifern, sie rauben dem Volke
das Vertrauen zur Regierung, und wie kann
man für das Glück eines Volkes sorgen, das
nicht aufrichtig an den guten Willen glaubt,
das statt Freunde, Feinde in seiner Regierung
zu finden glaubt und doch Hand in Hand mit
ihr gehen soll und muß!" Ein lautes Vivat
unterbrach jetzt den Sprecher, es galt dem Leh-
rer, der eben hereingetreten war. Er kam im
betrunkenen Zustande, von seinen neuen Freun-
den zurückkehrend. Bärbchen erschrack über sein

Auftreten, der Müller verabschiedete sich mit sei-
nem Sohne und auch Altenbacher mochte se-
hen, daß hier seines Bleibens nicht mehr war
und verließ mit Bärbchen das Wirthshaus, um
nach Hause zu fahren, wohin ihm der Lehrer
bald folgte.


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