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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0050
Die ersten Früchte der Wühlerei.
Einige Wochen nach jener Volksversammlung
kam aus der Stadt M., dem Sitze der Radika-
len, ein Geldpaquet an den Lehrer. "Einige
Freunde," hieß es in dem Schreiben, "seien zu-
sammengetreten, ihm diese Unterstützung, als
Anerkennung seines Verdienstes um die gute
Sache, zuzusenden, damit er, von ängstlichen
Sorgen befreit, besser wirken könne." Mit Freu-
den öffnete er die Rollen; es waren 300 fl.
Jetzt war er ein reicher und gemachter Mann.
Sein erster Gang war zu seiner Braut, er fand
sie in Thränen. Lange forschte er nach der Ur-
sache und endlich gestand sie ihm, daß der Mül-
ler von S. dagewesen sei und für seinen Sohn
um sie angehalten hatte. Der Reichthum des
Müllers habe den Vater für sich gewonnen und
er ihr gesagt, da es mit ihm doch noch lange
dauern könne, so wäre es zuletzt besser, sie
nähme den Müller." Dies war freilich keine
angenehme Ueberraschung für ihn, er fühlte sich
gekränkt und beleidigt, denn war ihm, dem ge-
feierten Volksredner, hier nicht ein Bauernbur-
sche ohne Kenntniß und Bildung vorgezogen?
Zornig wollte er das Haus wieder verlassen,
aber sie bat ihn so inständig und lange, bis er
ihr versprach, nichts Voreiliges zu unternehmen
und das Beste zu hoffen. So kam die Bürger-
meisterwahl. Streitbacher hatte die Wahl
auf Altenbacher hingelenkt; mit weniger Mühe
brachte er es durch. Altenbacher wurde Bür-
germeister, und da eben der Rathschreiber durch
einen Fall untauglich wurde, wurde Stößi
Rathschreiber. Aus Dankbarkeit schlug ihm der
neue Bürgermeister die Hand seiner Tochter nicht
mehr ab, und bald war die lustige Hochzeit.
Am Brautmorgen überreichte ein Junge der Braut
einen schönen mit Bändern verzierten Strauß;
sie kannte den Geber, er kam von dem verschmäh-
ten Peter. Bärbchen hatte sich in ihrer Herzens-
unschuld ein süßes Leben, häusliche Zufriedenheit
und Glück geträumt, aber wie bald wurde sie
enttäuscht! Streitbacher gehörte nicht ihr,
nicht sich selbst ganz an. Seine politische Wirk-
samkeit entzog ihn dem Familienleben. Seine
Vorgesetzten klagten über seine Versäumnisse in
der Schule. Jede freie Stunde war er außer
dem Hause, bei Versammlungen und Berath-
schlagungen. Es war keine Bürgermeisterwahl,
kein öffentlicher Akt der Nachbarschaft, wo er
nicht die Hände im Spiel hatte, wo er nicht
als Leiter und Führer auftrat und seine Mei-
nung den Ausschlag gab. Oft kam er spät in

der Nacht, oft auch im berauschten Zustande nach

Hause. Die Besoldung reichte nie aus, und
mit den Nahrungssorgen wuchs seine Unzufrie-
denheit, sein Haß gegen die Begüterten und
Beamten, denen er allein die Ursache seiner
schlechten Verhältnisse zuschrieb. Mit Ergebung
in das Unvermeidliche, härmte sich die junge
Frau in der Einsamkeit ab; die schönen Tage
einer harmlosen Jugend waren dahin, und zu
dem eigenen Schmerze gesellte sich noch das
drückende Gefühl, der Angst und Sorge für
ihn, der sein Amt immer mehr vernachlässigte,
und dem schon die ernstesten Strafandrohungen
von seiner obersten Behörde zugekommen waren.
Stößi war sein unzertrennlicher Gefährte, seine
Grundsätze nicht die reinsten, was konnte sie sich
daher für ihren Mann für Hoffnung machen?
Nicht selten war es, daß er in einem Anfalle
von Unmuth, auch ihr unhöflich begegnete, ihr,
die ihn doch so heiß und innig liebte. So kam
er eines Tages ernst und düster nach Hause.
Er setzte sich schweigend an den Tisch, ohne das
Essen, trotzdem sie ihm sein Leibgericht zuberei-
tet hatte, zu berühren.
"Was fehlt Dir, Carl?" frug sie ängstlich
und besorgt. Einen Augenblick besann er sich,
als wolle er ihr die unangenehme Nachricht vor-
enthalten, dann antwortete er, seinen Grimm
verbeißend: "Ich bin angeklagt, wegen eines
Artikels in der A-zeitung und muß morgen
auf das Amt, mich zu verantworten!"
Der Schrecken überwältigte sie, seit gestern
fühlte sie sich Mutter, heute wollte sie ihm das
zarte Geheimniß mittheilen, und nun diese herbe
Nachricht; sie wankte, Leichenblässe überzog ihr
Antlitz und ohnmächtig fiel sie nieder.

Des Wühlers Triumpf.

Das Werk, an dem so viele Jahre mit Auf-
bietung aller Kräfte gearbeitet wurde, es war
gelungen. Die Revolution war ausgebrochen.
Die gesetzliche Macht mußte entfliehen vor der
rohen Gewalt, vor der Brutalität der Aufrüh-
rer. Wildes Jubelgeschrei erhoben die Anhänger
der Umwälzung an allen Orten. Die Freunde
der Ordnung zitterten und sahen mit banger
Erwartung der Zukunft entgegen. Auch in dem
Wirkungskreise Streitbachers war die In-
surrection gelungen. Er hatte das Meiste dazu
beigetragen. Der ehrwürdige Pfarrer mußte
seine Gemeinde verlassen, wollte er kein Opfer
eines von seinem Lehrer aufgestachelten Volks-
haufens werden. Fremde Abenteurer, Lumpen
jeder Gattung, durchzogen das blühende Land,
besetzten die Stellen und beherrschten die ver-


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