http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0051
blendeten Bürger. Alle Landeskassen wurden
von der neuen Regierung, unter dem Vorwande
von Anschaffungen für das Wohl des Landes,
geleert; der Schweiß des Volkes auf beispiellos
niederträchtige Weise verschwendet und verpraßt.
Wir sehen unsern Helden wieder, aber dies-
mal in andern Verhältnissen. Er logirt im
Gasthofe des Amtsstädtchens. Eine Menge Pa-
piere und Briefschaften liegen vor ihm auf dem
Tisch ausgebreitet. Er ist Civilcommisfär seines
Bezirks. Seine Gesichtsfarbe ist wohl eine blei-
chere geworden, aber auf seiner Stirne wohnt
das Bewußtsein befriedigten Ehrgeizes. Bo-
ten gehen ab und zu, Verordnungen auf Ver-
ordnungen diktirt er seinem Schriftführer Stößi;
die Bürgerwehr gibt ihm eine Ehrenwache gleich
einem Fürsten. Die Thüre öffnet sich und eine
vornehme Dame tritt schüchtern herein.
"Verzeihen Sie, mein Herr," spricht sie
sanft, "ich komme, meinen Sohn loszubitten,
der dem ersten Aufgebote zugetheilt ist. Sein
Vater, von der neuen Regierung außer Dienst
gesetzt, liegt am Sterben, er gebraucht der Un-
terstützung unseres einzigen Kindes, und zudem
ist der junge Mann von der schwächlichsten Kör-
perconstitution. Möchten Sie doch dies gütigst
berücksichtigen." "Ich weiß, dieses sind leere
Ausflüchte einer in ihre Vorurtheile verknöcher-
ten Aristokratie, der Bursche muß herbei oder
der Vater wandert in das Gefängniß!" lautete
der Bescheid und weinend verließ die Mutter
das Gemach. Nach ihr trat ein alter Bauer
aus dem Heimathsorte Streitbacher's in das
Zimmer; auch er hatte dasselbe Anliegen, seinen
Sohn vom ersten Aufgebote loszubringen. "Ich
habe es Euch neulich schon gesagt, nur unter
der Euch mitgetheilten Bedingung, kann er frei
werden," erwiderte ihm der Angeredete. Der
Bauer langte mit betrübtem Gesichte in seine
Rocktasche und legte eine Rolle Kronenthaler auf
den Tisch. "Ich hab' das Geld mitgebracht,
Herr Lehrer, weiß Gott, es ist mir schwer ge-
fallen, ich hab' einen Acker verkaufen müssen,"
sagte er betrübt. Der Schriftführer fertigte den
Freischein aus und der Alte entfernte sich. "Thue
das Geld in die Privatkasse, Stößi, sonst
haben wir ja gar nichts für unsere Mühe, die-
sem Bauernpack das Glück der Freiheit zu ver-
schaffen." Der Student lachte und befolgte den
Auftrag. .
"Nun schreib' die Ordre an alle Hauptleute
meines Bezirks, sie haben ihre Leute tüchtig in
den Waffen zu üben, auf morgen vorzurücken
und die Dörfer A. M. B. L. R. und E. zu
besetzen, Vorposten auszustellen und bei Annähe-
rung des Feindes sogleich Nachricht zu geben,"
lautete sein Befehl an den Studenten, dann
setzte er vergnügt hinzu: "Stößi, ich habe
einen Bericht an das Kriegsministerium abgehen
lassen, habe darin einen Operationsplan verzeich-
net, wie man mit wenigen Leuten den Feind,
der unsere Gränzen bedroht, abschneiden und
vernichten kann. Bekomme ich den Oberbefehl
und es gelingt, dann sind wir wieder eine Stufe
höher auf der Leiter des Ruhmes und des Glü-
ckes!" Er schnallte einen Schleifsäbel um und
eilte hinaus, wo schon ein Pferd für ihn bereit
stand, das er bestieg.
Lange sollten diese Verhältnisse nicht so blei-
ben. Es folgten nun ernstere Scenen. Zur
Wiederherstellung der Ordnung in dem zerrüt-
teten Lande nahte ein Kriegsheer und überschritt
die Gränzen. Wohl prahlten die Aufrührer mit
unbesiegbarem Muthe, mit ihrer Kraft und Stärke,
wohl schilderten die Zeitungen den Feind als
schwach und in sich uneins, er rückte aber im-
mer weiter vor, während sich die Revolutions-
armee immer mehr und mit Verlust zurückziehen
mußte. Auch Streitbacher stund mit sei-
nen Leuten vor dem Feinde. Verschiedene kleine
Vorpostengefechte hatte er schon mitgemacht, aber
auch er mußte vor dem Feinde weichen. Das
schmerzte ihn sehr, mehr aber noch die Muthlo-
sigkeit seiner eigenen Leute. Die armen Bur-
schen waren zu dieser Sache gezwungen worden
und sehnten sich nach Hause. Ihr Murren
wurde immer lauter und das Fortbringen schwie-
riger. Streitbacher hatte den Feind um-
gangen und wollte einer Abtheilung desselben
in den Rücken fallen. Da suchte er noch ein-
mal sein Ansehen geltend zu machen. Auf ei-
nem freien Raum im Walde stellte er die Mann-
schaft auf. "Brüder!" sprach er sie an, "folgt
mir muthig und treu und die Tyrannenknechte
müssen unterliegen! Seht, ich habe Weib und
Kind verlassen, der Sache wegen und zaudere
keinen Augenblick, warum wollt Ihr verzagen?
Wir können nicht unterliegen, von allen Sei-
ten kommen Siegesnachrichten von den Unsrigen,
also vorwärts, laßt es uns ihnen gleich thun!
Sollte es aber dennoch Einem unter Euch ein-
fallen, entwischen zu wollen, so sei ihm gesagt,
daß ich vier Freischärler in den Rücken postirt
habe, ihn auf der Flucht niederzuschießen!" Angst-
voll zog der Haufen vorwärts; an einem Thal-
abhang stießen sie auf den Feind. Das Feuer
wurde eröffnet, mit großem Geschrei stoben die
jungen Burschen auseinander und suchten flie-
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0051