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hend den Weg in ihre Dörfer. Der Lehrer
wurde von den Truppen erwischt und kriegs-
gefangen mit fortgeführt.
Des Wühlers Ende.
Die Revolution war mit Gewalt der Waf-
fen unterdrückt. Die Führer derselben hatten
sich mit den geraubten Kassen, mit dem Schweiß
und Blut des Bürgers geflüchtet; der Fluch
vieler Tausenden folgte ihnen auf dem Fuße
nach. Unsäglichen Jammer und Elend hatten
sie über das Land gebracht und es bedarf einer
langen Zeit des Friedens, um den Schaden
wieder gut zu machen. *
Auch der Student hatte sich mit der Kasse
durchgemacht, den Lehrer aber finden wir auf
der Bank der Angeklagten, vor dem Standge-
richt. Peinlich war seine Lage diesen ernsten
Richtern gegenüber! Hatte er nicht ein schuldbe-
ladenes Gewissen, konnte er nicht der That
überwiesen werden, und gab es hier noch einen
andern Ausweg, als den Tod oder 10 jährige
Zuchthausstrafe? -
In gut begründeter Rede führte der Staats-
anwalt seine Vergehungen an, er beschuldigte
ihn des Hochverraths, der Treulosigkeit und des
bewaffneten Widerstandes gegen die gesetzliche
Gewalt; gab an, wie Streitbacher sich schon
lange bestrebte, der Revolution Eingang zu ver-
schaffen, wie er, statt seinem Amte obzuliegen,
das Volk verführt und dann zuletzt thätlichen
Antheil an dem Aufstande genommen habe und
sein Antrag lautete auf Todesstrafe.
Mit furchtbarer Angst hörte der Angeklagte
diese Beschuldigungen, das Blut drang ihm zu
Herzen und Leichenblässe bedeckte sein Antlitz.
Hier galt es jetzt, sich zu vertheidigen, Alles zu
gewinnen oder Alles zu verlieren. Er raffte
sich zusammen und begann seine Vertheidigung.
Aber wer hätte dies gedacht, nicht mit dem
Muthe der Ueberzeugung, den eine Sache, wenn
sie eine gerechte ist, geben soll und muß, nein,
wie ein feiger Verbrecher, schlüpfend und win-
dend wie eine Aal, und lügend wie der gemeine
Dieb, war seine Vertheidigung. "Er habe von
jeher seinem Fürsten einen treuen Bürger abge-
geben," sagte er unter Anderem, "alle seine
Bestrebungen seien nur dahin gerichtet gewesen,
Ordnung und Ruhe zu bewirken, auf dem Bo-
den des Gesetzes und des Gehorsams, vereint
mit der Landesregierung, das Glück des Volkes
begründen zu helfen! Er habe zur Treue er-
mahnt, vor Gewaltthätigkeiten gewarnt und end-
lich sich der Revolution nur scheinbar angeschlos-
sen, um der gerechten Sache seines Landesherrn
nützlich sein zu können." Insbesondere führte
er noch an, "wie er bei einer großen Versamm-
lung die sogenannten Wühler als die gefährlich-
sten Menschen geschildert habe, als Volksfeinde,
die das Gebäude des Bürgerglückes niederreißen
wollten, um sich auf den Trümmern desselben
ein Haus zu bauen!"
So harmlos seine Rede auch war, so sehr
belasteten ihn jedoch die Aussagen der vor die
Schranken des Gerichts geladenen Zeugen. Und
hier folgte schon die erste Strafe für seine schlechte
Verwaltung des Lehreramtes, denn mit Schau-
der mußte er hier die Ueberzeugung bekommen,
daß, hätte er sich mehr Mühe als Lehrer gege-
ben, die Jugend zu bilden, hätten nicht viele
seiner Entlastungszeugen in ihrer Unwissenheit
noch mehr seine Schuld herausgehoben.
Die Richter hielten sich strenge an das Ge-
setz und hatten nur die Thatsachen im Auge.
Nachdem auch noch der Anwalt des Angeklagten
eine lange Vertheidigungsrede gehalten, erklärte
der Vorsitzende des Standgerichts die Verhand-
lungen für geschlossen. Die Richter begaben sich
in das geheime Berathungszimmer und nach
etwa einer halben Stunde kehrten sie in den
öffentlichen Sitzungssaal zurück. Streitba-
cher wurde wieder vorgeführt; lautlose Stille
herrschte unter der großen Zuhörermenge. Der
Präsident verkündete mit lauter und fester Stimme
das Todesurtheil. Mit Entsetzen vernahm
er den furchtbaren Ausspruch! Keine Appellation
und keine Gnade war dagegen mehr in Anspruch
zu nehmen, und wie ein Träumender schwankte
er, inmitten von Gerichtsdienern, aus dem Ge-
richtssaale, durch eine wogende Volksmenge nach
dem bereitstehenden Wagen. Er rollte dahin
nach dem Gefängniß; eine Mark und Bein
durchdringende Stimme rief seinen Namen; der
Ruf: "Carl! mein Carl!" durchdrang seine Seele;
er bog sich zum Schlage des Wagens hinaus
und erblickte sein junges hübsches Weib, das
die Hände verzweiflungsvoll nach ihm ausgestreckt,
bewußtlos zu Boden stürzte. Schon wenige
Stunden nach dem Urtheilsspruch sollte die
über ihn verhängte Strafe vollzogen werden.
Auf dem Richtplatze angekommen, fiel sein
erster Blick auf den bereitstehenden Sarg, der
seinen Körper bald aufnehmen sollte. Er konnte
im Uebermaße der Seelenangst nichts mehr füh-
len; der Offizier führte ihn an die Stelle, wo
er den Tod erleiden mußte. Noch einmal schweifte
sein Auge über Gottes herrliche Schöpfung,
dessen Dasein, er, so oft bezweifelte, und eine
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