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Minute später lag er entseelt auf dem Rasen von
mehreren Kugeln durchbohrt!
= Das Taubenhaus.
Johannes Rümpler konnte nun ein für alle-
mal keine Frau bekommen. - Obgleich er schon
ein Mann in den besten Jahren, ordentlicher
Schulmeister im Pfarrdorf R-. war, ob-
gleich er einen festen Gehalt von beinahe 200
Gulden hatte, welcher noch durch das, aus, auf
ganz feine Weise eingebrachten, Repressalien, als
Butter, Eier, Hühner, Gänse u. f. w. gelös'te
Geld bis auf noch einmal so viel erhöht wurde;
doch wollte keine seiner rothwangigen, herange-
wachsenen Schülerinnen Iga sagen, und ihr in-
wendig hartbeborketes wekßes Sammethändchen
in seine stark berunzelte legen, um sich für die
Ewigkeit seiner noch geringen Lebensjahre zur
Despotin der Schuljugend krönen zu lassen.
Märthchen war erst an Ostern confirmirt wor-
den und hatte sogleich einen Dienst auf dem herr-
schaftlichen Gute bekommen; denn das Mädchen
war herangewachsen wie eine Tanne und gereift
wie eine Maikirsche. Schon lange hatte sie sich in
der Schule über das Fegefeuer auf des Herrn
Schulmeisters Habichtsnase aufgehalten; aber der
Herr Schulmeister war dem Kinde zu gut, als
daß er dergleichen lose Einfälle nicht für enormen
Witz erklärt hätte. Dergleichen lose Einfälle ka-
men durch die fünfte oder sechste Hand an den
Gutsherrn, und dieser, ein Junggesell von 45
Jahren, nahm das witzige Kind in seine Dienste.
So oft nun der Herr Schulmeister einen Korb
erhielt, seufzte er für sich: "der Kobold der Liebe
hat der Dirne Herz in seinen Schlingen! Lass'
sahren, Rümpler, lass' fahren! es gibt noch mehr
als diese." Gestärkt von einer solchen Resigna-
tion wartete er immer, bis zur neuen Confirma-
tion, hielt dann um irgend eines seiner lieblichen
Schulkinder an und - holte sich einen Korb.
Im höchsten Putze schritt der Herr Schulmei-
ster auf seiner Brautfahrt Anno 1849 n. Chr.
Geb. dem älterlichen Hause unseres Märthchens
zu. Manche junge Frau wußte, was er dort
wollte, und lachte schon im Stillen über den al-
ten Narren. Der sonst so beredte Mund des
Herrn Rümpler versagte ihm den Dienst, als er
in Märthchens nettes Stübchen trat, und zehn-
mal besser hätte er das gewohnte:
"Die Kuh der Käse gibt zwei Schock,
Das Zaͤhlbrett hält der Ziegenbock."
mit ihr repetirt, als daß er dem freundlichen,
blühenden Kinde ein "Grüß' Dich Gott" wünschte.
Märthchen war allein zu Hause und eben beschäf-
tigt, ihre wenigen Habseligkeiten einzupacken und
auf das Gut zu ziehen. Es ging auch in einer
solchen Eile, daß Herr Rümpler nur noch Zeit
hatte, nach ihren Eltern zu fragen, da hüpfte
das Jüngferchen zur Thüre hinaus, der Schul-
monarch stolperte ihr junggesellenmäßig nach, fiel
über die, für seine alternden Füße etwas zu hohe
Thürschwelle zu Boden, und - Märthchen war
verschwunden, die Thüre verschlossen und Rümp-
ler trollte nach Hause.
Grimmige Hiebe setzte es heut in der Schule
- er war nraͤmlich unschlüssig, ob er noch bei
den Eltern des Mädchens werben sollte oder nicht
und durch eine Motion auf dem Rücken der
Bauerjungen meinte er zum Entschluß zu kommen.
Das Heulen der Geprügelten, das Schreien der
Gebackpfeiften, das Lamento und Wimmern der
auf Erbsen Knieenden, vermischt mit dem mono-
tonen "a-b: ab - e-b: eb - i-b: ib" brachte ihn
endlich zu dem heroischen Entschluß, koste es was
es wolle, hinter dem Rücken der Eltern, Märth-
chens Herz zu erobern und selbst als Kobold der
Liebe in die Schranken zu treten.
Von jetzt an war Rümpler täglicher Gast auf
dem Gute, spielte mit dem Guthsherrn patience
- und wenn Märthchen etwa einmal in das
Zimmer trat, dann zitterten seine Hände derma-
ßen vor ungeheurer Liebe, daß ihm die Karten
wie ein Damenfächer in der Hand wackelten.
Es war Sonntag. - Rümpler, im Braten-
rock beim Gutsherrn zum Kaffee und zum Spiel
geladen, hatte Märthchen schon manchen vielmei-
nenden, doch nichtssagenden Blick zugeworfen,
und konnte vor Freude kaum die Zeit des Auf-
bruchs erwarten; denn Märthchen wechselte, als
sie den Kaffee einschenkte, mehrmals die Farbe.
"Triumph!" jubelte Rümpler im Stillen nach
der Melodie: "Nun danket Alle Gott," - "ich
habe ihr Herzchen erobert - ich bin jetzt der
Kobold der Liebe!" Dem war aber nicht so;
denn im Hofe schlenderte Heinzens Gottlieb auf
und nieder, welcher derzeitiger Kobold der Liebe
in Maͤrthchens Herzen war. So oft diese nun
mit der Kanne an den Tisch trat, begegneten
ihre holden Aeuglein dem Blick des schlanken
Burschen, und hoch erröthete sie, wenn sie sich
von dem ledernen Schulmeister beobachtet sah.
Was Maͤrthchen niemals gethan, nämlich,
daß sie den Herrn Rümpler die Treppe hinabge-
leitete, dazu bewog sie Gottlieb, der jedoch so-
gleich hinter ein im Hofe stehendes Taubenhaus
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