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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0055
flüchtete, um nicht von seinem Todfeinde, dem

Schulmeister, gesehen zu werden. Märthchegs
Höflichkeit bestärkte unsern schwarzbefrackten Lieb-
haber noch mehr in der schmeichelhaften Hoffnung.
Diese und der nach dem Kaffee genossene Aquavit
regte ihn dermaßen auf, daß er unter der Thür
das Mädchen küssen wollte. Er bestürmte die
sich Sträubende und in ihrer Angst wies sie nach
dem Taubenhause und flüsterte: "Lassen Sie doch
- das Taubenhaus! das Taubenhaus!" Das
war für den Herrn Rümpler die Erlaubniß zu
einem Stell-Dich-ein, und zitternd vor Wonne
flog er nach Hause.
Sehnsucht im Herzen und eine tüchtige Flasche
Schnapps in der Tasche, schlich der Liebende um
acht Uhr nach dem Gute, schwebte in den Hof
- ungesehen flog er die Leiter des Taubenhau-
ses hinan, und nahm die Wohnung der noch
nicht heimgekehrten rechtmäßigen befiederten Be-
wohner ein. Eine lange, lange Stunde verging
und noch regte sich kein weiblicher Fuß - noch
rauschte Märthchens Rock nicht auf der Leiter. -
Die Zeit wollte ihm schon lange werden - horch
da rauscht es - hoch klopfte seine Brust; aber
- eine der ältesten Tauben kehrte so eben heim.
Ihr folgte der ganze Schwarm; doch kaum hat-
ten sie den fremden Gast gewittert, so flatterten
sie, wie vom Habicht gejagt, wieder hinaus,
und ängstlich um ihre Eier und Jungen besorgt,
umkreiseten sie das Haus. Den Gutsherrn be-
fremdete das späte und ängstliche Umherflattern
seiner Lieblinge und nichts schien ihm sicherer,
als daß ein Marder im Taubenhause sei. Im
Nu belebte sich der Hof. "Die Hunde los!"
rief der Herr - "ich komme sogleich mit der
Flinte - Johann! - Christian! - Heinrich!
alle Knechte um's Taubenhaus!" Wie Donner-
schläge trafen diese Worte das Ohr des Schul-
meisters - er wollte entwischen, aber schon um-
kreiseten vier zottige, blutlechzende, kanibalische
Bestien seinen Aufenthalt - von allen Seiten lie-
fen Knechte mit Dreschflegeln, Heugabeln, Mägde
mit Ofengabeln und Besen herbei und der Guts-
herr ordnete, die Flinte zum Schuß bereit in den
Händen, die Belagerung. "Ach, wär' ich ein
Floh!" - jammerte der Belagerte in der Angst
seiner Seele - "und könnte ungesehen nach Hause
hüpfen in's Bette." - "Ich will ihn schon hin-
austreiben!" - rief der Gutsherr - "paßt
auf!" und schoß gegen das Taubenhaus. Beim
Knall des Schusses stürzte unser Jammermann
auf die Kniee und heulte laut: "Gnade! Gnade!
ich bin es ja!"
"Was? Diebe?!" rief der Gutsherr, -

"hurtig, Knechte! hinauf! laßt keinen entwischen!"
Auch Heinzens Gottlieb kletterte mit hinan; aber
wie stürzten die Muthigen zurück, als ihnen eine
kohlschwarze Figur entgegentrat. "Ein Kobold!
ein Kobold!" schrieen sie und der ganze Hof war
plötzlich wie ausgestorben, selbst die Hunde hatte
der vorsichtige Christian abgerufen, damit sie nicht
verhert würden. Kein Befehl des Gutsherrn
fruchtete, und er allein, im Arme die Flinte,
wartete geduldig, wie sich die Sache aufklären würde.
Es war während der Belagerung schon ziem-
lich dunkel geworden, und Herr Rümpler meinte,
jetzt sei der Augenblick da, wo er ungesehen ent-
wischen könne. Ein Fuß streckte sich schon nach
der Leiter - der zweite folgte und - da stand
der schwarze Kobold der Liebe - umflattert von
Tauben - wie ein Dieb. Leise schlich er die
Leiter hinab - jetzt fühlte er den Boden. -
"Halt!" donnerte es hinter ihm und eine Rie-
senfaufst hielt ihn am - Zopf. Laternen schwank-
ten herzu - das neu ermuthigte Personal des
Gutes eilte seinem Herrn zu Hülfe - und -
o Himmel! Märthchen leuchtete ihrem Seladon
gerade in das Fegefeuer seines Antlitzes! Der
Gutsherr meinte: der Aquavit habe seinen lieben
Schulmeister in's Taubenhaus geführt und entzog
den Bebenden dem Gelächter seiner Leute, wobei
Heinzens Goltlieb ehrlich half, indem er ihn mit
hinauf in sein Zimmer nahm. Waͤhrend hier
der Schulmeister seinem hochverehrten, launigen
Gönner reumüthig seine Thorheit bekannte und
bald darauf mit demselben sich an einer Bowle
Punsch erlabte, verschwatzten Märthchen und Gott-
lieb eine selige Stunde der Liebe; ich bin aber
begierig, zu sehen, wie es dem Kobold der Liebe
im Jahr 1850 auf seiner Brautfahrt ergehen
wird.

Einmal Bürgermeister gewe-
sen, und nie wieder!
So rief der Schneidermeister B. in dem freund-
lichen Dorfe Stadtbergen und rieb seinen Rücken,
der die deutlichen Spuren von Schlägen an sich
trug. Dabei stand der Bürgermeister Joppert
und lachte, aber auch der "Wandersmann"
konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als
er erfuhr, welches Bewandtniß es mit diesem
Ausruf hatte.
Der Schneider hatte, wie Alle dieses Hand-
werks, eine quecksilberne Natur. Es trieb ihn

den ganzen Tag herum, Neuigkeiten zu hören,


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