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oder wieder zu erzählen, die Zeitungen vorzule-
sen und zu raisonniren über Alles, was über
ihm stund, oder nur das geringste Zeichen von
Gewalt an sich trug. So war ihm der Bür-
germeister schon längst ein Dorn im Auge, und
in seiner Schneidereitelkeit hatte er geglaubt, bei
der letzten Wahl als Bürgermeister aus der Wahl-
urne hervorzugehen. Aber fehlgeschossen; er fiel
durch, und Joppert, den er schon wegen seiner
gemäßigten politischen Gesinnung nicht leiden
mochte, wurde statt seiner gewählt. Sein Haß
fand dadurch ueue Nahrung; jeden Tag machte
er Opposition gegen den Bürgermeister, drang
aber trotz seinen Mühen, bei den Bauern nicht
durch, und behielt sich deßhalb vor, bei der er-
sten guten Gelegenheit sich dafür zu rächen; und
diese Gelegenheit kam bald!
Die Revolution im Mai war in Baden aus-
gebrochen; von allen Seiten strömten unruhige
Köpfe herbei, um sich daran zu betheiligen. Das
Dorf Stadtbergen, nahe an der Schweizergränze
gelegen, hatte auch schon einige dieser Weltbe-
glücker zu Gesicht bekommen. Die Bauern wünsch-
ten sich diesmal Glück, daß die Heerstraße weit
von ihrem Dorfe vorüberzog, blieben sie doch im
Allgemeinen von diesen sauberen Gästen verschont.
Da hieß es eines Tages, Willichs Bande
sei ins Land gerückt und läge drei Stunden von
Stadtbergen einquartiert. Es seien größtentheils
Leute, welchen man das Langefingergewerbe gleich
ansähe. Der Bürgermeister ließ den Gemeinde-
rath zusammen kommen, und stellte den Bauern
vor, wie es jetzt an der Zeit sei, alle werthvol-
len Habseligkeiten auf die Seite zu schaffen, und
sich auf Schlimmes gefaßt zu halten.
Der Schneider aber, der nicht Viel zu verlie-
ren hatte, gedachte hier seinem Gegner einen
Streich zu spielen. Wie der Wind, war er im
Lager der Freischaaren, machte die Führer auf
den Bürgermeister seines Dorfes aufmerksam,
schilderte ihn als einen Feind der guten Sache
und hartherzigen Geldmenschen. Nicht lange
stand es daher auch an, als einige Abgesandte
von Willichs Corps in Stadtbergen erschienen,
und mit groben Worten und Drohungen von
dem Bürgermeister begehrten, daß er binnen drei
Tagen 50 Paar Schuhe, so viel Strümpfe und
10 Paar Stiefel bereit halten müßte. Die Her-
ren zogen wieder ab, und man bestürmte den
Bürgermeister, zu erzählen, was sie gewollt;
selbst der Schneider war neugierig zu erfahren,
was sein Bestreben gefruchtet habe. Doch Jop-
pert wies sie Alle ab und sagte, es sei seine Sa-
che, für sie zu sorgen; wenn es an der Zeit wäre,
wolle er ihnen schon die nöthige Mittheilung
machen. So kam der Termin zur Lieferung her-
an. Am Morgen des dritten Tages wurde der
Schneider auf das Rathhaus beschieden. Erstaunt,
was es geben würde, eilte er dahin. Der Bür-
germeister empfing ihn ganz freundlich. "Mein
lieber Meister!" redete er ihn an, "Ihr könnt
mir einen großen Gefallen thun. Seht in einer
Stunde kommen die Freischärler um Schuh und
Stiefeln zu holen, welche ich liefern mußte, da
Ihr aber als gebildeter Mann besser mit diesen
Leuten umzugehen versteht, als ich, auch ihres
politischen Glaubens seid, so habe ich gedacht,
es würde sehr gut sein, wenn Ihr sie empfängt.
Wollt Ihr auf einige Zeit meine Stelle vertre-
ten, so nehmt hier den Schlüssel zu Euch, in
dem obern Zimmer des Rathhauses liegt Alles
bereit, was die Freischäaaren verlangten." ""Ich
habe es längst gedacht, in Zeit der Noth wird
man noch an mich denken,"" erwiderte geschmei-
chelt der Schneider. ""Gebt her die Schlüssel,
ich will schon als Bürgermeister mit ihnen reden.""
Joppert verließ das Rathhaus und der Schnei-
der ging, sich brüstend, in der Rathstube hin
und her. Jetzt kamen die Freischärler, wilde
Gesellen mit sonnverbrannten Gesichtern. Mür-
risch fragten sie nach dem Bürgermeister, der sich
stolz und gravitätisch nahete; in seiner Eitelkeit
dachte er nicht mehr daran, wie er den Bürger-
meister einige Tage vorher bei ihnen in das
Salz gelegt hatte. Grob schnauzten sie ihn an,
und verlangten das Lederwerk. Der Schneider
bat sie, ihm zu folgen. Eilends hüpfte er die
Stiege hinauf in das obere Zimmer und öffnete
die Thüre; doch wie sehr sollte er erschrecken,
keine Spur von einer Fußbekleidung war hier
zu entdecken. "Verfluchter Reactionär, Du willst
uns noch foppen," schrieen die Gesellen mit wü-
thender Stimme. "Aber warte, Du bist uns
schon geschildert worden, wir kennen Dich! hin-
unter mit dem Schuften in den Hof!" Und
trotz alles Sträubens und Bittens, trotz allen
Versicherungen, er sei der Unrechte, prügelten
die Helden der Freiheit und Bruderliebe ihn
furchtbar durch, so daß er nach Gott und allen
Heiligen schrie. Dann zogen die Freischärler
wieder ab, ohne sonst einen Unfug zu treiben.
Und hier war es, wo der wirkliche Bürgermei-
ster Joppert wieder bei ihm stund und das Schnei-
derlein wehmüthig ausrief: "Einmal Bür-
germeister gewesen, und nie wie-
der
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