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§ Prophezeihungen.
Es gibt heut' zu Tage eine Masse von Leu-
ten, die vor der Welt allen Glauben an über-
natürliche Dinge verläugnen, und sich selbst vor-
machen, deßhalb aufgeklärter und besser zu sein,
wie ihre Mitmenschen. Sie sehen den staubge-
bornen Menschen für das letzte und höchste in
der Schöpfung an, und streichen mitunter sogar
den lieben Herrgott aus dem Adreßbuche des
Weltall's. Sie verspotten Alles, was ihrer gott-
losen Sinnesart nicht ähnlich sieht und wenden
alle Mittel an, um ihre freigeistischen Ideen
weiter fortzupflanzen. Das ist aber lediglich die
Wirkung des Hochmuthsteufels in ihnen, denn
in unbewachten Augenblicken, wo sie mit sich und
ihrem Gewissen allein sind, wenn eine lichte Pause
in dem Sinnentaumel eintritt, da klopft es un-
vermerkt an in ihrem Innern, und ein Grauen
überläuft sie, denn es sagt ihnen eine Stimme
in entsetzlichem Tone: "Mensch, gedenke, daß
du sterben mußt!" - Es rieselt eiskalt durch
ihre Glieder und der übermüthige Kopf fängt an
zu grübeln: "Wie, wenn es doch eine Ewigkeit,
eine Vergeltung nach dem Tode gäbe? - Es ist
noch Keiner zurückgekommen; es könnte doch so
sein, wie mir in der Jugend gelehrt worden.
Ewig, ewig, ohne Aufhören Qualen leiden müs-
sen - lieber gar keine Ewigkeit, lieber todt sein
für immer, wenn man einmal gestorben ist. Ja,
das wäre aber auch fürchterlich, so ganz und
gar aufzuhören"” - also grübelt der Un gläubi ge
und Zweifler, und fort geht es von Neuem in
den Strudel des Sinnenrausches, um sich zu be-
täuben. Der Abergläubige dagegen sieht über-
all Gespenster, Heren und Kobolde und wird
vor lauter Furcht und Grauen seines Lebens
gar nicht froh. Der Unglauben würdigt den
Menschen zum Thiere herab und entrückt ihn sei-
ner goͤttlichen Lebensbestimmung, der Aberglaube
ist eine Krankheit des menschlichen Geistes und
obwohl ungefährlich, ebenfalls des menschlichen
Berufes zuwider.
Der Wandersmann wünscht daher den geehr-
ten Leser auf die goldene Mittelstraße zu gelei-
ten, bevor er seine Meinung über die Prophe-
zeihungen ausspricht. Es sind in diesem Bereiche
der menschlichen Geistesthätigkeit von allen Zei-
ten eine Menge Vorhersagungen im Besitze der
Menschheit. Es ist schwer, solche mit Zuverläs-
sigkeit auszulegen und der Wandersmann will
dem Leser hierin auch nicht vorgreifen. Das
Eine steht aber fest, daß zu allen Zeiten, von
Anbeginn der Welt bis auf den heutigen Tag,
jeweils einzelnen Menschen die Gabe verliehen
war, in die Zukunft schauen und dem Menschen-
geschlechte die kommenden Dinge vorhersagen zu
können. Der Prophet Jonas weissagte vor etwa
4000 Jahren der großen Stadt Ninive den Un-
tergang, und dieser war auch richtig eingetroffen.
Man gräbt gegenwärtig an der Stätte, wo diese
Stadt gestanden hatte, von den Trümmern her-
aus und steht erstaunt bei dem Anblicke der kunst-
vollen Arbeiten an Gebäuden und Geschirren.
Jesus Christus weinte Thränen der Wehmuth
im Vorgefühle der Zerstörung Jerusalems, und
Johannes der Evangelist enthüllte in seiner Of-
fenbarung dem frommen christlichen Gemüthe die
Geschichte der Kirche Gottes bis zum jüngsten
Tage. Wer wüßte nicht aus der neuen Zeit
die merkwürdigen Wahrsagungen der berühmten
Kartenschlägerin Lenormand, die dem Kaiser Na-
poleon und anderen emporgekommenen Personen
jener Epoche das Schicksal so geuau vorherge-
sagt hatte?
Die Prophezeihungen für unsere Tage aber
stimmen alle darin überein, daß in den Jahren
1848 bis 1852 große Umwälzungen in der christ-
lichen Welt vor sich gehen, und die Menschen von
vielfacher Trübsal heimgesucht werden würden.
Die Weissagungen z. B. des alten Miller auf
dem Maisbacher Hof bei Heidelberg, die Jeder-
mann kennt, daß er im Jahre 1846 kein Wein-
stock, im Jahre 1847 kein Obstbaum, im Jahre
1848 kein Beamter und Fürst, und im Jahre
1849 kein Soldat sein möchte, ist sie nicht ein-
getroffen? Und haben sich nicht Theuerung, Re-
volution, Krieg, Seuchen, Noth und Elend auf
die vorausgesagte Zeit eingefunden? Der Wan-
dersmann kann dies nicht für ein Spiel des
Zufalls halten, er glaubt an übernatürliche
Kräfte, die sich einzelnen auserwählten Menschen
annähern und ihnen einen Blick in die dem ge-
wöhnlichen Menschenauge unsichtbare Welt ge-
statten. Da nun die Prophezeihungen für unsere
Tage bis daher auf so merkwürdige Weise sich
erfüllt haben, so dürfen wir auch darauf achten,
was uns noch weiter vorbehalten ist.
Vor allem sind die verschiedenen Propheten-
stimmen darin gleichlautend, daß nach dieser
Zeit ein neues Reich und eine neue Rich-
tung der Gemüther eintreten wird. Sie verkün-
den alle übereinstimmend den Sieg des Glau-
bens über die falsche Lehre, welche da
ist, die Verläugnung des lebendigen
Gottes. Unser Landsmann Miller prophezeit
einen blutigen Krieg in den deutschen
Kreisen von Frankreich, und ein Schäfer
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