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Anzeigen und Nachrichten
v. Liebenstein, mit der gefürchteten Lorgnette die Räte und Ritter
auf der Regirungsbank musternd, die Sturmkolonnen zu dem entscheidenden
Schlage an. Jetzt schwenkten die Unteroffiziere und
Mannschaften des alten badischen Fortschritts ein.. . Nun trat die
Regirung den Rückzug hinter die zweite Schanze an . . . das eigentliche
Kampfobjekt war bei dem Pulverdampf und Waffenlärm ganz
aus dem Gesichte gekommen, als v. Liebenstein zum Sammeln blasen
Hess. . . . Als darauf v. Schäffer erwiderte . . . und als v. Liebenstein
auch diese in einem glücklichen Rededuell durch einige wol-
gezielte Kanonenschläge aus dem "Wege geräumt hatte, fiel . . . die
Entscheidung . . .w (S. 173 ff.). Zuweilen droht es trotz alledem
schief zu gehen. „Erst als die freisinnige Kerntruppe einschwenkte,
gelang es, das Fähnlein der vereinigten Beamten und Bauern in die
Flucht zu schlagen" (S. 94). Das ist ein Bild! Dagegen nehmen
sich die hitzigsten unserer heutigen Kammersitzungen geradezu wie
Schäferstündchen aus; gegen die hier kämpfenden Helden sind aber
auch unsere Führer die reinsten Waisenknaben. Diese Einführung
des militärischen Tons in die Geschichtschreibung ist die Vollendung
des historiographischen Stils, damit sind nicht bloß unsere von Müller
so glänzend entlarvten Hofhistoriographen, sondern auch unsere vermeintlichen
Meister der historischen Kunst überholt und für immer
in Schatten gestellt; durch diese Tat allein hat sich Leonhard
Müller noch vor Ablauf des Jahrhunderts die Unsterblichkeit gesichert
.
Die Freisinnigen des Landtags von 1819, allen voran der
„geniale" „Lahrer Oberamtmann" und der „prinzipientreue" „Freiburger
Professor", behaupteten die Wahrheit anders nie als mit Bekennersmut
(S. 76). „Die Verteidigung in großem Stile, mit dem
gesprochenen und geschriebenen Worte, führte Karl v. Rotteck"
(S. 100). „Von Liebenstein gab in der Regel nur die allgemeine
Direktive . . . der Abg. Duttlinger, das lebendige Buch der
Verfassung und Geschäftsordnung — und wol deswegen
scherzweise auch „der abgeduttelte Ordlinger" geheißen — pflegte
in solchen Fällen als erster Flügeladjutant die allgemeine Intension
des Kammerchefs zu präzisiren. Mehr als einmal bekam das andere
hohe Haus seine überlegene Interpretationsgabe zu fühlen. Aber
auch mit der Staatsregirung ging der junge Kämpe gehörig ins
Gericht" (S. 135). Manchmal führte auch Liebenstein „die ganze
zweite Kammer zum Sturm gegen das Festungsvorwerk der Hofräte
" (S. 99). Was Rotteck und Liebenstein nicht geradewegs durch-
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