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Anzeigen und Nachrichten
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Geister zu bannen, alle Fäden des damaligen höfischen Geheimniskrames
und Prames aufzudecken; nur insoweit", ruft er
emphatisch aus, „als diese lichtscheuen, unverantwortlichen Mächte
das junge landständische Leben im Keime vergiftet und zum
großen Unglück unseres engeren Vaterlandes immer größeren Ein-
fluss auf die Person des Großherzogs gewonnen haben, mussten wir
sie gleich an dieser Stelle vor den historischen Kichterstuhl laden"
(S. 41). Und er hat sie gehörig gerichtet und wenn nötig auch
gleich abgeschlachtet. Zuerst die Hofhistoriographen, von denen er
leider nur einen mit Namen nennt, den Archivrat Brodhag, der
„würdig die Galerie jener Archivräte eröffnet, welche, statt sich mit
Genealogie und Wappenkunde zu befassen, sich auf das Gebiet der
badischen Landtagsgeschichte — der Domäne Müllers — verirrt
haben. . ." Der Ton (in dem „landständischen Boten" Brodhags),
welcher populär sein will, in Wirklichkeit aber niedrig ist, kann
über die Planlosigkeit und Urteilslosigkeit der Berichterstattung
nicht hinwegtäuschen. Was der Autor aus dem Eigenen hinzufügt,
ist „eine ewige byzantinische Anbetung, die dadurch nicht schmackhafter
wird, dass der Hofhistoriograph sich gelegentlich in einen
Hofpoeten verwandelt" (S. 141). Da ist freilich Leonh. Müllers
badische Landtagsgeschichte etwas anderes! Da ist Disposition und
Plan und Urteil der Berichterstattung, und was der Autor aus dem
Eigenen hinzufügt, ist zwar nicht viel, aber desto imponirender in
Auffassung und Ausdruck. Ja, was verirrt ihr euch auch, ihr Archivräte
, auf das Gebiet der badischen Landtags- und überhaupt der
badischen Geschichte? Befasst euch in Zukunft hübsch mit Genealogie
und Wappenkunde, die euch Herr Müller so freundlich war,
als eigentliches Arbeitsfeld zuzuweisen!
Mit gleichem Mut und Entzücken wie an die Hofhistoriographen
macht sich Müller auch an Minister und sonstige Männer
der Regirung. Ja, selbst die Person des Großherzogs, des „alternden
Hagestolzen" (S. 32) versteht er zu porträtiren und zu schulmeistern
. Am schlechtesten kommen die Minister v. Berstett,
Metternichs „Prophet" und „getreuester Schildknappe" (S. 213),
und zumal v. Hadke weg, „dieser französisch gesinnte, frivole, sackgrobe
Kabinetts- und Küchenchef" (S. 132), der „alles andere eher
als ein Staatsmann" (S. 131) war, und der Finanzminister v. Fischer,
der „gleich v. Berstett an beständigen Verfassungswehen laborirte"
(S. 157).
Doch genug der Ehre, die wir Müllers badischer Landtags-
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