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Martin
gerade in jener Schweizer Gregend sich freie Bauern nachweisen
ließen, wie der im Armen Heinrich geschilderte Meier
einer ist, so kann doch wol nicht geleugnet werden, dass
auch in unserer Gregend, zumal auf dem Schwarzwald, sich
die alte Gemeinfreiheit erhalten haben mag. Schulte selbst
sieht diesen seinen Einwand nicht als entscheidend an; ich
kann ihn gegenwärtig nicht nachprüfen, ebensowenig die aus
den Wappen der Minneliederhandschriften gezogenen Schlüsse,
die Schulte ebenfalls nur mit Vorsicht anführt; sind doch
diese erst lange nach den alten Meistern ausgeführten Wappen
nicht sehr zuverlässig.
Die Hauptfrage ist: Hat Hartmann mit dem fürstengleichen
Stand des Armen Heinrich eine historisch sichere Tatsache
angegeben? Dass er seinem Helden Eigenschaften beigelegt
hat, die er nicht besessen haben kann, ist sicher. Er lässt
ihn ,vil wol von minnen singen4. Der ritterliche Minnesang
kann vor 1170 nicht nachgewiesen werden; und sein
plötzliches Auftreten und rasches Umsichgreifen ist aus der
Berührung mit dem französischen Rittertum unter Kaiser
Friedrich Barbarossa wol zu erklären.
Wollte man den Armen Heinrich als historische Quelle
ansehen, so müsste man ja auch die wunderbare Heilung des
Ritters als Tatsache behaupten. Und doch ist gerade für
diese die Übertragung aus der schon in der Kaiserchronik um
1130 erzählten Legende des hl. Silvester augenscheinlich. Ehe
Konstantin das Christentum annimmt, wird er aussätzig. Ein
Bad im Blute vieler Kinder soll ihn heilen. Aber das Jammergeschrei
der Mütter bewegt ihn, von diesem Heilmittel abzustehen
, und die Taufe macht ihn rein. Das ist alles viel
besser verständlich, als die daraus abgeleitete Geschichte des
Armen Heinrich. Vielleicht war die lateinische Quelle, auf
die sich Hartmann beruft, nichts als eine Silvesterlegende,
an deren Schluss auf ein ähnliches Vorkommnis, auf die Bereitwilligkeit
eines Mädchens, sich für ihren Herrn, einen Heinrich
von Aue, zu opfern, hingewiesen war.
Und nun dürfen wir weiter fragen: Musste es gerade
jener urkundlich bezeugte Heinrich von Aue sein, von dem
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