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Fürstenhaus und Kunstbesitz
dann auf „Höchsten Befehl" des Fürsten Karl Anton vom 13. März 1868 den
Namen „Galleriebau". Die vielfältigen Abteilungen der Kunst und Kunstindustrie,
die in dem mit Historienmalereien ausgestatteten Saal zusammengestellt waren,
sollten als eine Einheit die Kunst des Mittelalters repräsentieren. Das historische
Mobiliar gehörte wesentlich dazu. Lehner teilte diese Auffassung Karl Antons. In
den fast 30 Jahren seiner Tätigkeit hat er keine Änderungen in der Aufstellung
vorgenommen, obwohl er über den Wert und Unwert der einzelnen Kunstgegenstände
sicherlich genau orientiert war.
Um die Jahrhundertwende wandelte sich nicht nur die äußere Form des Museumsbaues
, sondern auch die Schaustellung der Kunstgegenstände. Das Museum
sollte ein Institut sein, „das thätig in die künstlerische Erziehung unserer Bevölkerung
eingreift." 281 Groebbels versuchte, diese neuen Gedanken, soweit es der Saal
zuließ, zu verwirklichen. Es kam ihm darauf an, nur wertvolle Kunstwerke auszustellen
und mittelmäßige und zweitrangige Stücke auszuscheiden. Im ersten Jahre
seiner selbständigen Tätigkeit als Direktor begann Groebbels mit dem Aussortieren
der Kunstwerke und setzte dies mit Abständen bis 1919 systematisch fort. Auch
Fälschungen und Kopien, die er als solche erkannte, wurden entfernt. Im Inven-
tarium des Fürstlichen Museums sind die ausgesonderten Gegenstände mit „Ausgeschieden
" bezeichnet. Diese Angabe und eigens geführte Listen geben ein anschauliches
Bild des veränderten Kunstbestandes unter der Direktion von Groebbels.
Der Gemäldebestand von 1883 mit 226 Nummern wurde fast um die Hälfte
verringert. Es waren meist Werke unbekannter Meister der schwäbischen und oberdeutschen
Schule. Allein im Jahre 1894 schied Groebbels 43 Gemälde aus. Sehr
energisch verringerte er bis 1905 die Abteilung der Schnitzwerke um 150
Nummern, die Gruppe der Metallarbeiten um 104 und die Kleinodien um 91
Stücke. Auffallend rücksichtsvoll sonderte Groebbels zu Lebzeiten des Fürsten
Leopold die übrigen Abteilungen aus: 13 Tonarbeiten, 25 Emailwerke und 15 Textilien
. In der Liste für das ausgeschiedene Mobiliar sind fast nur Kästchen aufgeführt
.
Einzelne Gemälde wurden teils ins Schloß, teils nach Hedingen oder in die Hofbibliothek
überführt. Die ausgeschiedenen Gegenstände kamen in ein Depot. Bei
günstigen Angeboten tätigte Groebbels mit bekannten Kunsthändlern, vor allem
mit Julius Böhler und Helbing in München, Dr. Angst vom Landesmuseum Zürich
und Ittles in St. Gallen Tausch- und Verkaufsgeschäfte. In den Jahren 1905 bis
1911 wurden aus dem Depot an die Firma H. Seidler in Konstanz verkauft: 55
Glasgemälde, 41 Schnitzwerke, 22 Gemälde, 38 Gläser, 87 Metallarbeiten, 59 Tonarbeiten
, 16 Kleinodien, 4 Emailwerke, 1 Textilarbeit, 3 Möbel und 1 Waffe im
Gesamtwert von 13 122.97 Mark. Aus dem Erlös erwarb Groebbels eine Holzfigur,
Bischof 16. Jahrhundert, und neun Gemälde, von denen zwei ins Museum kamen,
Maria mit Kind und musizierenden Engeln (frühholländisch), Johann Baptist (Mai-
ländisch, 16. Jahrhundert); die übrigen Gemälde, meist Holländer, kamen ins
Schloß. Die Restsumme wurde auf den Reservefonds für Neuerwerbungen und
außerordentliche Ausgaben überwiesen. Die Gesamtzahl der ausgeschiedenen Kunstwerke
betrug von 1894 bis 1919 etwa 1200 Nummern im Werte von 102 583.67
Mark 262. Die gelockerte Aufstellung der Kunstwerke im Museum läßt ein Photo
261 Volker Plagemann, a. a. O., S. 198.
262 FHBS, Registratur, Mappe mit Listen der ausgeschiedenen Gegenstände.
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