http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1973/0101
Archive und Landesgeschichte
gaben der landeskundlichen Forschung formulierte und versuchte, die hohenzolle-
rische Landeskunde aus der „Isolierung des wissenschaftlichen Provinzialismus"
herauszuführen, um den Anschluß an die Nachbargebiete zu erreichen, wobei er,
besonders in die Richtung der Archive gesprochen, klare Arbeitsaufgaben nannte,
wie die Schaffung von Urkundenbüchern und Regestenwerken, Neuverzeichnung der
Bestände, Erforschung der Archiv- und Behördengeschichte, Archivalienschutz, Veröffentlichung
von Archivinventaren und landeskundlichen Bibliographien. Senn
suchte einen Weg heraus aus der bisherigen willkürlichen und zufälligen Entwicklung
der landesgeschichtlichen Forschung hin zur Arbeit mit klaren Fragestellungen, die
sich an neuen Problemen und Methoden der Landeskunde orientieren und die es
ermöglichen sollten, durch planmäßiges Vorgehen („Themenlenkung") bisher unbearbeitete
Fragen und Zeiträume der hohenzollerischen Geschichte zu erforschen
und darzustellen. Hinsichtlich der Archive hatte Senn Aufgaben genannt, die
zweifellos allzu lange vernachlässigt oder überhaupt nicht gesehen worden sind. In
den Archiven, die hundert Jahre zuvor nur die Rüstkammern der Verwaltungen
waren, sah Senn - in Verkennung des Doppelcharakters der Archive und damit auch
der Archivare - nur noch Rüstkammern der Landeskunde. Senn hatte gerade bei
den hohenzollerischen Archiven, obgleich er sonst die finanziellen und personellen
Probleme richtig einzuschätzen wußte n, übersehen, daß beide Archive mit nur je
einem wissenschaftlichen Beamten besetzt waren. Gustav Hebeisen, der Leiter des
Fürstlichen Archivs, war zugleich Direktor der Sammlungen, des Museums und der
Hofbibliothek, und Franz Herberholdn, der Leiter des Staatsarchivs, mußte zuerst
einmal sein Archiv als Behörde organisieren, die Archivpflege aufbauen und ungeordnet
gebliebene Bestände verzeichnen. Für die zurecht geforderte Schaffung von
Urkundenbüchern und Regestenwerken fehlte es aber nicht nur an Zeit und Mitarbeitern
; man gewinnt den Eindruck, daß Senn die sich im inneren Aufbau der
beiden Archive niedergeschlagenen Folgen der Archivtrennung von 1850 nicht genau
kannte und deshalb die Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens nicht überblicken
konnte. Infolge seines weiterdauernden persönlichen Gegensatzes zu Hebeisen
konnte Senn das Fürstliche Archiv nicht im gewünschten Maße in seine Konzeption
einbauen ™. Als später auch eine nicht mehr beizulegende Kontroverse mit dem
Leiter des Staatsarchivs entstand, für dessen Aufzug Senn doch so viel getan hatte,
war auch hier die Verbindung gestört. Ein Archivar und Historiker vom Format
Franz Herberholds durfte die von Senn beanspruchte „Monopolstellung" 7t eines
historischen Vereins über die Forschung nicht hinnehmen und sich seine Aufgaben
von dort her nicht diktieren lassen. Dieser Gegensatz zwischen Fachhistorikern und
Geschichtsfreunden75 gehört zum Erscheinungsbild der landschaftlich gebundenen
70 Ebenda S. 11-13, 59-64.
» Ebenda S. 9.
n Zu Herberhold vergl. Stemmler, Das Staatsarchiv Sigmaringen, S. 244, 246 und Das Staatsarchiv
Sigmaringen seit 1945, Neue Probleme eines alten Archivs, Der Archivar 14 (1961) (Festgabe für
Max Miller), Sp. 249 f.
73 Ernst Senn (als Obmann des ständigen wissenschaftlichen Ausschusses des Geschichtsvereins) verkehrte
mit dem Fürstl. Archiv nur indirekt durch den Kabinettchef des Fürsten Friedrich, Franz
Freiherr von Hallberg (Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses), oder durch den Archivherren
selbst, Fürst Friedrich, den Protektor des Vereins (vergl. Senn, Der Aufbau der hohenz. Landesforschung
, S. 62 u. 73.).
74 Ebenda S. 25.
75 Heimpel, Geschichtsvereine einst und jetzt, S. 56.
95
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1973/0101