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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1973/0106
Seigel

akten die alten historischen Bestände quantitativ längst überflügelt. Dadurch sind
den Archivaren neue Aufgaben erwachsen: die enge Zusammenarbeit mit den
registraturbildenden Stellen und die an neuen archivwissenschaftlichen Methoden
orientierte archivische Verarbeitung des Schriftguts, die über die frühere Verzeichnungsarbeit
weit hinausgehen muß. So wird es immer mehr eine Hauptaufgabe der
Archivare sein, aus der Überlieferung die Arbeits- und Informationsmittel für
Verwaltung, Wissenschaft und Öffentlichkeit zu formen. Die Entwicklung der
Archive zu Dienstleistungsbetrieben ist also unverkennbar. Aber auch die Verbindung
von Archivar und landesgeschichtlicher Forschung wird nicht mehr in dem
Maße, wie man es bisher gewohnt ist, das Berufsbild des wissenschaftlichen Archivars
kennzeichnen. Im Fürstlichen Archiv in Sigmaringen bilden die Bestände des 19. und
20. Jahrhunderts bereits die Hälfte des Gesamtbestandes, und dieses Archiv läßt
sich schon heute nicht mehr in die Gruppe der reinen Familien- und Herrschaftsarchive
einordnen. Durch die neuen und die zu erwartenden Bestände wird es einen
dritten Aspekt erhalten als Archiv eines modernen Wirtschaftsunternehmens. Die
Bewertung und Erschließung dieser Archivaliengruppen erfordert vom Archivar
spezielle Kenntnisse und Arbeitsvorgänge. Dadurch sind die Archivare heute in ein
neues Verhältnis zu Verwaltung und Wissenschaft gestellt. Im Hinblick auf die
Beziehungen zur Geschichtswissenschaft, insbesondere zur Landesgeschichte, sind
die Zeiten vorüber, als Archivare noch die Rolle von landesgeschichtlichen Alleinunterhaltern
, Vereinsmonarchen oder Geschichtspäpsten spielten.

Das moderne archivarische Berufsbild ist nicht mehr an einer Spannung von
Verwaltung und historischer Forschung orientiert91, und die Leistung der Archivare
wird von Verwaltung und Öffentlichkeit immer weniger daran gemessen, wie weit
es ihnen gelungen ist, „zwischen Skylla und Charybdis geschickt hindurchzusteuern
" 82 oder gar sich mit einem Teilbereich ihrer Tätigkeit „voll und ganz in
die Reihe der Gelehrten" zu stellen; der Maßstab der Beurteilung wird immer
mehr in der Fähigkeit gesehen, archivalische Überlieferung zu gestalten und für
die Öffentlichkeit zu erschließen. Freilich werden die Archivare sich auch weiterhin
an der landesgeschichtlichen Forschung durch Publikationen beteiligen, vor
allem in den Bereichen, in denen durch den von außen kommenden Benützer
nicht oder nur sehr schwer gearbeitet werden kann, das gilt beispielsweise für Editionen
und Arbeiten zur Behörden- und Verwaltungsgeschichte. Den wesentlichen
Teil der Beziehung zwischen Archivar und wissenschaftlicher Ausbeutung der
Archivbestände bildet immer stärker die Verzeichnungsarbeit und die Anleitung
und Betreuung der Benützer, die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Instituten,
welche Hinweise auf zugängliche Bestände und auf Fragestellungen benötigen.
Ferner ist es das Bestreben der Archivare, die Benützung auf bestimmte Problemstellungen
hinzuführen, eine „Benützerpolitik" ,3 zu betreiben, die zwar Zeit und
Geduld abverlangt, sich aber bis jetzt gelohnt hat, wie die Veröffentlichungen des
Geschichtsvereins und der Landeskundlichen Forschungsstelle erkennen lassen. Über

91 Vergl. Hans Booms, Öffentlichkeitsarbeit der Archive, Voraussetzungen und Möglichkeiten, Der
Archivar 23 (1970) Sp. 30-32. - Friedriob P. Kahlenberg, Deutsche Archive in West und Ost, Zur
Entwicklung des staatlichen Archivwesens seit 1945 (Mannheimer Schriften zur Politik und Zeitgeschichte
4) Düsseldorf 1972, S. 7-12, 93-98, 102, 145-153.

92 Bader, Archiv und geschichtliche Landesforschung, S. 57.

93 Für eine „Benützerpolitik" hinsichtlich der Ortsgeschichtsschreibung trat auch schon Johannes
Maier ein (vergl. Maier, Zur Problematik einer sinnvollen Ortsgeschichtsschreibung, S. 8).

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