http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1973/0193
Besprechungen
Die folgenden Bemerkungen über die einzelnen Bände wollen deswegen auch nichts als
erste Hinweise auf ein Werk sein, dessen Benutzung der hohen Anschaffungskosten wegen
(Preis aller 5 Bände DM 267,40) wohl nur in Bibliotheken möglich sein dürfte.
Band I der „Deutschen Agrargeschichte", von Herbert Jankuhn unter Mitarbeit von
Harald Jankuhn, Eberhard May und Ulrich Willerding verfaßt, beschäftigt sich mit der
Vor- und Frühgeschichte vom Neolithikum bis zur Völkerwanderungszeit. Die Autoren
bieten in systematischer Auswertung der Erkenntnisse der archäologischen Forschungen der
letzten Jahrzehnte (schriftliche Quellen stehen für diesen Zeitraum kaum zur Verfügung)
einen allgemeinen, verhältnismäßig umfangreichen Uberblick, der sich kaum auf Vorarbeiten
stützen konnte.
Behandelt wird die Entwicklung im westlichen Mitteleuropa von der Mitte des fünften
vorchristlichen Jahrtausends an. Dieser Einschnitt wurde gewählt, weil er als der epochale
Wendepunkt in der europäischen Agrargeschichte angesehen werden kann, in dem sich die
Ablösung der rein aneignenden Wirtschaftsweise der Jäger und Sammler der älteren und
mittleren Steinzeit durch die produzierende Wirtschaft (Anbauwirtschaft) der jüngeren
Steinzeit vollzog. Seitdem hat sich die Geschichte der Landwirtschaft in Mitteleuropa
trotz aller Neuerungen als ein ganz allmählicher Vorgang vollzogen. Dargestellt werden -
um nur einiges aus dem Inhalt anzudeuten - die Entstehung der bäuerlichen Wirtschaft,
ihre Übertragung nach Europa, die Wirtschaft der Jungstein- und der vorrömischen
Bronce- und Eisenzeit, das Erbe der Kelten, die agrarischen Verhältnisse der Römer und
Germanen sowie die Ergebnisse der Berührung der beiden Kulturen. Wenn auch die frühe
Landwirtschaft im Mittelpunkt steht, so werden doch immer Siedlungswesen, Gewerbe
und Handwerk, Handel und Verkehr sowie die gesellschaftlichen Verhältnisse mit berücksichtigt
. Es ergibt sich so ein umfassendes Bild der jeweiligen Zeit. In drei sehr interessanten
Anhängen werden der Ursprung und die Entwicklung der Kulturpflanzen und der
Haustiere in vor- und frühgeschichtlicher Zeit sowie die Sprachzeugnisse zur frühesten
Geschichte der Landwirtschaft untersucht.
Der Band macht insgesamt deutlich, wie wenig das frühe Mittelalter einen neuen
Anfang bedeutet, wie stark die Verwurzelung in älteren Zuständen ist, insofern ist er
nicht nur rein zeitlich Grundlage der folgenden Bände, die die „historische Zeit" behandeln
.
Wilhelm Abel ist der Autor von Band II, der der Geschichte der deutschen Landwirtschaft
vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert gewidmet ist. Er geht in seinem
Buch, einem Musterbeispiel wissenschaftlich-umfassender Materialverarbeitung und fesselnder
Darstellung, vom Bedarf aus, den die Landwirtschaft zu decken hat. Er stellt die
Bevölkerung voran, deren wechselvolles Schicksal sich in der Entwicklung des Landbaus auf
deutschem Boden spiegelt. Er berichtet von der Überschichtung der frühmittelalterlichen
Bauernwirtschaft durch die Strukturen einer feudalen und auch schon merkantilen Gesellschaft
, von Preisen, Löhnen, Erträgen des Ackers und der Viehhaltung, von Abgaben und
Diensten der Bauern, vom Einkommen und Vermögen der Bauern und ihrer Herren. Er
nutzt die historische Statistik, um die wirtschaftlichen Verflechtungen früherer Jahrhunderte
zu beleuchten. So entfaltet sich vor dem Leser eine Geschichte der Landwirtschaft,
die auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln einschließt, und dies in einem Wechsel, dem
dramatische Höhepunkte nicht fehlen. Es zeigt sich, daß die Vorstellung von der „tausendjährigen
Ruhe" der Landwirtschaft, die von den Zeiten Karls des Großen bis ins 18. Jahrhundert
geherrscht haben soll, in den Antiquitätenladen der Geschichtsschreibung gehört.
Gegenüber der ersten Auflage des Buches wurden die langfristige Entwicklung und
die Wechsellagen der deutschen Landwirtschaft seit dem frühen Mittelalter noch stärker
herausgearbeitet. Insbesondere gilt dies für den hochmittelalterlichen und frühneuzeitlichen
Landesausbau und die Entfaltung der landwirtschaftlichen Produktion im 16. und 18.
Jahrhundert. Auch wurden die Nachrichten über die Höhe und die landschaftlichen Unterschiede
der bäuerlichen Dienste und Abgaben ergänzt und noch stärker auf gesamtwirtschaftliche
Zusammenhänge bezogen.
175
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1973/0193