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Neues Schrifttum
Friedrich Lütge unternimmt es im Band III erstmals, eine zusammenfassende Untersuchung
der Geschichte der deutschen Agrarverfassung zu geben und diesen Sonderbereich
unseres sozialen Lebens als geschlossene Einheit zu würdigen. Mehr als ein Jahrtausend
war der Sonderbereich Agrarverfassung mit der Verfassung des Volkes schlechthin - also
der gesellschaftlichen und politischen Grundordnung - identisch, da die Gesamtheit oder
zumindest die überwiegende Mehrheit der Menschen in der Agrarwirtschaft ihr ökonomisches
Fundament besaß und in der Agrargesellschaft ihre soziale Einordnung erfuhr. Seine
Darstellung reicht von der Zeit des Caesar und Tacitus bis zu der großen liberalen Agrarreform
(Bauernbefreiung) und ihren Auswirkungen, umfaßt also jene fast zweitausendjährige
Epoche, die durch die Entstehung, die Ausformung, den langsamen Verfall und
schließlich die Auflösung der Grundherrschaft gekennzeichnet ist. Der Verfasser hat deshalb
der Grundherrschaft besondere Beachtung geschenkt, wobei er auch alle sonstigen
Herrschaftsformen (Leibeigenschaft, Guts-, Gerichts- und Zehntherrschaft u. a.) und die
damit zusammenhängenden genossenschaftlichen Formen berücksichtigt. Zu begrüßen ist
die Konzentration auf die entscheidenden Probleme, wobei die Entwicklungsphasen bevorzugt
dargestellt sind, in denen sich die wichtigen Um- und Neubildungen vollzogen haben.
Es ist dem Verfasser ausgezeichnet gelungen, diese Um- und Neubildungen verständlich
zu machen, indem er immer wieder auch die damit zusammenhängenden Vorgänge im
politischen, sozialen und wirtschaftlichen Raum einprägsam beleuchtet. Die zweite Auflage
weist gegenüber der ersten erhebliche Erweiterungen und Verbesserungen auf (so wurden
zum Beispiel Österreich und die Grenzgebiete des jeweiligen deutschen Territoriums einbezogen
). Leider konnte auch sie die vom Autor beklagten Lücken für bestimmte Zeiten
und Räume (zum Beispiel große Gebiete West- und Süddeutschlands) angesichts des Fehlens
wissenschaftlicher Einzeldarstellungen nicht füllen.
Bewegten sich Abel und Lütge noch auf einigermaßen gesichertem Terrain, so betritt
Günther Franz Neuland. Er entwirft im Band IV erstmals eine politische und Sozial-
Geschichte des deutschen Bauernstandes. Sein Buch ist gleichzeitig die erste Geschichte dieses
Standes überhaupt, eine verwunderliche Tatsache, wenn man sich vergegenwärtigt, welche
Fülle von Einzeluntersuchungen etwa zu Adel oder Bürgertum vorliegt. Lange Zeit wurde
angesichts der erstaunlichen Konstanz im ländlichen Bereich — man vergleiche etwa einen
Bauernhof zur Zeit Christi Geburt mit einem des 18. Jahrhunderts - vom „geschichtslo-
sen" Bauerntum gesprochen. Oswald Spengler etwa meinte: „Das Dorf steht außerhalb
der Weltgeschichte und die ganze Entwicklung vom trojanischen ... bis zum Weltkrieg geht
über diese kleinen Punkte der Landschaft hinweg, sie gelegentlich vernichtend, ihr Blut
verbrauchend, aber ohne ihr Inneres zu berühren. Der Bauer ist der ewige Mensch, unabhängig
von aller Kultur, die in den Städten nistet. Er geht ihr voraus, er überlebt sie,
dumpf und von Geschlecht zu Geschlecht sich fortzeugend, auf erdverbundene Berufe und
Fähigkeiten beschränkt ... Die Bauern haben überhaupt keine Geschichte."
Günther Franz gelingt es überzeugend, das Gegenteil zu beweisen, auch wenn er davor
warnt, ins andere Extrem zu verfallen und unsere Geschichte generell als reine Bauerngeschichte
aufzufassen. Das Ziel seiner Darstellung ist es, die Stellung des Bauern in der
deutschen Geschichte, sein Verhältnis zu den anderen Ständen, seinen Anteil am geschichtlichen
Geschehen zu klären. Die Schilderung setzt mit der Karolingerzeit ein und schenkt
der Herausbildung des Bauernstandes als Berufsstand im 12. Jahrhundert besondere Aufmerksamkeit
. Die bäuerliche Selbstverwaltung in der entstehenden Landgemeinde findet
Beachtung. Mit der mittelalterlichen Ostsiedlung erreicht die Darstellung einen ersten
Höhepunkt. Ausführlich werden selbstverständlich der Bauernkrieg und seine Vorläufer
geschildert. Nach dem Dreißigjährigen Krieg steht das Verhältnis von Stadt und Land,
die Wiederentdeckung des Bauern im 18. Jahrhundert, die sogenannte agrarische Bewegung
im Vordergrund. Mit der Französischen Revolution, den Freiheitskriegen und der Bauernbefreiung
läuft die Darstellung aus.
Das Fazit des Buches: Das Bauerntum in Mitteleuropa, seit der Jungsteinzeit existent,
war bis mindestens zum Ende des Mittelalters (in vielen Gebieten noch viel länger s. o.)
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