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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1973/0199
Besprechungen

Grund der Bevölkerungszunahme zu Beginn des 16. Jahrhunderts wachsenden Schicht der
landlosen Seidner und Taglöhner aus, die eine freie Verkäuflidikeit der Bauerngüter und
die Teilnahme an der Allmendnutzung für alle Dorfbewohner forderten.

Das zentrale Kapitel seiner Dissertation widmet Sabean der Untersuchung der Frage,
ob die Bauerngüter 1525 tatsächlich entsprechend der Behauptungen der Beschwerdeartikel
mit Zinsen und Gülten überlastet waren. Die Schwierigkeiten, die einer solchen Rentabilitätsberechnung
entgegenstehen, liegen angesichts der Unvollständigkeit der Quellenüberlieferung
, der Unsicherheit über Preise, Löhne, Geldwert, Ackermaße und Erträge sowie der
Verschiedenartigkeit der Abgaben auf der Hand. Um trotzdem zu einem methodisch vergleichbaren
Ergebnis zu kommen, wählte der Verfasser 165 Weingartener Höfe aus, für die
sich der gesamte Umfang des Grundbesitzes - der Wald wurde aus Gründen der Vergleichbarkeit
ausgenommen - in eine Relation zu den Abgaben setzen ließ. Als Umrechnungsbasis
für Naturalabgaben dienten ihm die Durchschnittspreise des Augsburger Getreidemarkts
von 1511-1520. Der Ertrag je Jauchert wurde nach den Angaben eines Weingartener
Zehntregisters gewonnen (HSTA ST B 522, Bü 482) und mit 3,5—4 Ravensburger
Scheffel Hafer und 5 Scheffel Dinkel angenommen. Auf Grund anderer Quellen (HSTA ST
B 30 Bü 277) erscheint mir die Annahme etwas zu hoch gegriffen, da sie jedoch in der Berechnung
einen konstanten Faktor darstellt, bleibt sie in sich schlüssig. Dienste, die nicht in
Geld umgerechnet werden konnten (ungemessene Fronen u.a.), Eierlieferungen, Besthaupt,
Blutzehnt blieben bei der Aufstellung unberücksichtigt. Trotzdem sind die von Sabean erstellten
Statistiken aufschlußreich und geben einen guten Einblick in die Struktur des Weingartener
Grundbesitzes. 31 Prozent der untersuchten Höfe hatten unter 20 Jauchert Grundbesitz
, 41 Prozent zwischen 21 und 50 Jauchert und 28 Prozent über 50 Jauchert. Die
durchschnittliche Belastung der kleinen Höfe bis zu 10 Jauchert lag jedoch fast um das
Dreifache, die der Höfe bis 20 Jauchert um das Doppelte über der der mittleren und größeren
Güter. Im Durchschnitt mußten 18 Prozent der Getreideproduktion abgeführt werden
; für kleine Güter lag dieser Wert bei 34 Prozent, für größere jedoch zwischen 11 und
15 Prozent. Auf Grund einer anschließenden Berechnung kommt der Verfasser zu dem Ergebnis
, daß mindestens 28 Jauchert nötig waren, um eine fünfköpfige Familie zu ernähren
und daß erst Höfe ab 40 Jauchert Überschüsse für den Markt produzieren konnten; die
Berechnung enthält jedoch zu viele Unsicherheitsfaktoren, um überzeugen zu können.

In einem breiten, statistisch und tabellarisch untermauerten Exkurs untersucht Sabean,
gestützt auf Augsburger und Münchner Quellen, das Verhältnis zwischen Löhnen und Preisen
. Er zeigt, daß sich das Verhältnis zwischen beiden langfristig nur gering änderte, daß
jedoch die Löhne in Krisenjahren, in denen die Inhaber kleiner Güter besonders auf zusätzliche
Einnahmen angewiesen waren, besonders niedrig waren. Da sich bis 1525 in dieser
Entwicklung keine auffallende Änderung zeigte, kam sie als auslösender Faktor für die Unruhen
kaum in Betracht.

Daß der Abschaffung der Leibeigenschaft in den Forderungen der Bauernschaft eine
wesentliche Bedeutung zukam, ist von der Forschung immer wieder hervorgehoben worden.
Der Verfasser unterstreicht, daß es nicht die mindere Rechtsstellung, sondern im wesentlichen
die mit der Leibeigenschaft verbundene Belastung durch den Leibfall, die eingeschränkte
Freiheit und die Heiratsbeschränkungen waren, die sie verhaßt machten. Da sie
zu Beginn des 16. Jahrhunderts von den Landesherrn als Mittel zur Festigung der territorialen
Herrschaftsrechte benutzt wurde, gerieten die aus ihr abgeleiteten Ansprüche in Widerstreit
mit den gleichzeitigen Autonomiebestrebungen der bäuerlichen Gemeinde. So interpretiert
der Verfasser den Bauernkrieg im südlichen Oberschwaben als Aufstand der in
ihren Besitzrechten gleichermaßen von Herren und Dorfproletariat bedrohten bäuerlichen
Führungsschicht, die ihn um einer größeren Autonomie willen führte. Die Errichtung eines
einheitlichen Staates und einer klassenlosen Gesellschaft lagen außerhalb der Perspektive
dieser Schicht, deren Ziel die Sicherung ihres Besitzstandes und die Eigenkontrolle ihrer
lokalen Angelegenheiten war. Der Weg des Verfassers, die wirtschaftlichen Hintergründe
dieser Bewegung in einem geographisch begrenzten Raum aufzuzeigen, war richtig; in der

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