http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1982/0293
Besprechungen
verzögern und damit ein Potential konservativer Beharrung behaupten. Sie vermochten jedoch nicht, die
Verweigerung oder das Abwandern in die Städte zu verhindern. - Bade beleuchtet das Problem der
Landarbeiter und das Wanderungsgeschehen aus dem Blickwinkel der Beschäftigung von Ausländern
(»Politik und Ökonomie der Ausländerbeschäftigung im preußischen Osten 1885-1914. Die Internationali-
sierung des Arbeitsmarkts im »Rahmen der preußischen Abwehrpolitik«. S. 273-299). Durch die
Auswanderung und die Binnenwanderung nach Westen bestand in den Ostprovinzen ein großer Arbeitskräftemangel
, der durch die Rekrutierung ausländischer Arbeiter ausgeglichen wurde. Die Saisonarbeiter
garantierten die größte Beweglichkeit wie auch Kalkulierbarkeit des Kostenfaktors Arbeitskraft. Das
ökonomische Interesse stand daher der preußischen Polenpolitik, d. h. der Zurückdrängung der vorwiegend
polnischen Einwanderung, entgegen, setzte sich aber durch. - Der Themenbereich Industrialisierung
wird nur in einem Beitrag von Ulimann »Zur Rolle industrieller Interessenorganisationen in Preußen und
Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg« (S. 300-323) angesprochen.
Neben diesen Abhandlungen, die die Stellung verschiedener sozialer Klassen in Preußen untersuchen,
stehen vier Beiträge, die sich mit der Verfassung, der Reformpolitik nach 1806 und Theologie sowie
Philosophie beschäftigen.
Boldt (»Die preußische Verfassung vom 31. Januar 1850. Probleme ihrer Interpretation« S. 224-246)
verfolgt die verschiedenen Auslegungen und damit auch die Verfassungswirklichkeit von der Entstehung
bis zur Aufhebung. Der Wortlaut der Verfassung überließ es dem freien Spiel der Kräfte, ob sich eine
monarchische oder aber eine parlamentarische Regierungsweise durchsetzte. Nach dem Verfassungskonflikt
behielt dann das monarchische Prinzip die Oberhand. - In »Reformpolitik in Preußen 1807-1820«
(S. 202-223) setzt sich Vogel mit dem Widerstreit der traditionellen bürokratischen Elite und der
Reformpolitik Hardenbergs auseinander. - »Kirche im Schatten des Staates? Zur Problematik der
evangelischen Kirche in der preußischen Geschichte« (S. 146-175) überschreibt v. Thadden seinen Beitrag.
Lutheraner, Calvinisten, dann auch die Pietisten kamen in den Sog staatlicher Machtausbildung, so daß sie
mit ihrer Ausgangsposition in Konflikt gerieten. Nur an der Staatsautorität orientiert, verlor die Kirche
nach 1848 den gesellschaftlichen Realitätsbezug und hatte größte Schwierigkeiten, sich nach 1918 neu zu
orientieren. Erst der Kirchenkampf im Dritten Reich führte zu einem Neuanfang. - »Wie aufgeklärt war
Preußen« (S. 176-201) fragt Möller und wendet sich der philosophischen Seite des Doppelgesichts Preußen
zu. In der Beurteilung schließt er sich Kant an, daß Preußen im 18. Jahrhundert in einem Zeitalter der
Aufklärung, nicht aber in einem aufgeklärten Zeitalter lebte.
Insgesamt gesehen beleuchten die Beiträge von verschiedenen Themen und unterschiedlichen methodischen
Ausgangspunkten her immer wieder die gleichen Phänomene der preußischen staatlichen und
gesellschaftlichen Entwicklung und legen die inneren Entwicklungslinien frei. Wegen der dabei gewonnenen
Sicht, die manche liebgewonnene Vorstellung in Frage stellt, ist eine Lektüre sehr empfehlenswert.
Sigmaringen Wilfried Schön tag
Der Zollernalbkreis. Stuttgart/Aalen: Theiss 1979. 414 S. (Heimat und Arbeit).
Mit diesem Band legt der erst 1973 im wesentüchen aus den Kreisen Balingen und Hechingen gebildete
Zollernalbkreis eine erste Gesamtdarstellung seiner Geschichte, seiner Kultur und Wissenschaft vor.
Zu Beginn beschreibt Klaus Munzing die »Erd- und Landschaftsgeschichte« des Kreises, der mit dem
Hohenzollerngraben das erdbebenaktivste Gebiet Mitteleuropas besitzt. Mit »Natur- und Landschaftsschutz
« befaßt sich Hans-Dieter Stoffler, der auch das Thema »Wald- und Forstwirtschaft« bearbeitet. Die
historischen Beiträge eröffnet Hartmann Reim mit einem Überblick zur »Vor- und Frühgeschichte«, wobei
er - gestützt auf zahlreiche Bodenfunde - ein anschauliches Bild der frühen Besiedlungen vermittelt, von
den Steinzeiten, über die Bronze-, die Urnenfelder-, die Hallstatt-, Latene- und Römerzeit (aus der jener
1978 ausgegrabene große Gutshof bei Hechingen-Stein stammt, der als einer der größten in Baden-
Württemberg gilt) zur Alamannen- und Merowingerzeit. Den gewichtigsten Beitrag leistet Rudolf Seigel,
der die Entstehung und Entwicklung der »alten Herrschaftsgebiete des Zollernalbkreises« beschreibt.
Dabei gelingt es ihm, außerordentlich komplizierte Vorgänge wie die Änderung der alten Gau-Einteilung in
fränkische Grafschaften oder den inneren Ausbau der Herrschaftsgebiete, den Wandel der Grundherrschaft
im Mittelalter klar, übersichtlich, historisch genau und dabei doch flüssig lesbar darzustellen. So stehen bei
Seigel rechts-, winschafts- und sozialgeschichtliche Aspekte gleichrangig neben der politischen Geschichte.
291
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1982/0293