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Besprechungen

Spektrum dieser so verschiedenartigen Organisationen bis hin zu den Parteien zu analysieren und zu
ordnen. Hierzu gehört auch die Darlegung der Rolle, welche die damalige Ulmer Presse im politischen
Meinungsbildungsprozeß hatte, und die Entwicklung der Wahlen in der Stadt. Die Veröffentlichung endet
mit einem Uberbück über die politische Entwicklung der Jahre 1845-1848 und einer Zusammenfassung der
gewonnenen Erkenntnisse.

Die vorliegende Arbeit bringt nicht nur wertvolle neue Erkenntnisse zur Geschichte der Stadt Ulm,
sondern vermag auch darüber hinaus für viele andere Städte im Lande gute Anregungen zu bieten.

Tübingen Jürgen Sydow

Wilhelm Abel: Strukturen und Krisen der spätmittelalterlichen Wirtschaft. Stuttgart - New York: Gustav
Fischer 1980. 134 S. (Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte Band 32).

Wilhelm Abels Name ist eng verbunden mit der Erforschung der deutschen Agrargeschichte. Abel
untersuchte vor allem die Krisenerscheinungen der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Landwirtschaft
: Der von ihm 1935 geprägte Begriff der >Agrarkrise< wurde geradezu zum terminus technicus. Auch
in seinem neuesten Buch bearbeitet Abel diese Thematik. Er erweitert und ergänzt jedoch seine früheren
Forschungen. Er betrachtet das Spätmittelalter nicht nur unter dem Aspekt der Agrarkrise, sondern greift in
die allgemeine Diskussion über die >Krise< des 14. und 15. Jahrhunderts ein. Anknüpfend an Frantisek
Graus' Literaturbericht (1969) stellt Abel die Frage, ob es die (Wirtschafts-)Krise des Spätmittelalters
überhaupt gegeben habe. In diesem Zusammenhang möchte er Begriffe klären und »weitere Fakten zur
Wirtschaftsgeschichte des Spätmittelaltes beibringen« (S. 2). Die Arbeit gliedert sich in drei Teile. Im ersten
Teil beschäftigt sich Abel mit den langfristigen Tendenzen, den Strukturen der spätmittelalterlichen
Wirtschaft. Es handelt sich im Prinzip um eine Zusammenfassung der schon oft erwähnten Phänomene:
Auf dem Land wird das Spätmittelalter charakterisiert durch Bevölkerungsrückgang, Krise des Getreidebaus
, Sinken der Grundrenten und eine Bauernschaft, die bedrängt wird durch erhöhte Forderungen der
Herren und, auf der anderen Seite, durch höhere Löhne der Knechte. Die Städte erleiden zwar auch hohe
Menschenverluste durch die Seuchen, darauf weist Abel ausdrücklich hin. Bedingt durch die hohen Löhne
und durch eine Kapitalanhäufung als Folge der Pest, erleben Handel und Gewerbe im ganzen gesehen
jedoch eine Blüte. Da die gewerblichen Aktivitäten in den Städten eine große Kaufkraft schufen,
bestimmten die städtischen Bedürfnisse die landwirtschaftliche Produktion: Es wurde verstärkt Viehwirtschaft
betrieben, der Anbau von Obst, Gemüse, Wein und Industriegewächsen weitete sich aus. Die
gestiegene Kaufkraft in den Städten zeigt sich also unter anderem an der gestiegenen Nachfrage nach
Lebensmitteln. Abel stellt deshalb im zweiten Kapitel »Essen und Trinken im Spätmittelalter« den
diesbezüglichen Verbrauch dar: Wie kaum eine andere Ware zeugt der Import von indischen Gewürzen,
hier vor allem Pfeffer, von der Kaufkraft im Spätmittelalter. Obwohl sie sehr teuer waren, wurden diese
Gewürze, natürlich hauptsächlich von den Oberschichten, in hohem Maß konsumiert. Der mittlere
Fleischverbrauch ist nach Abel höher gewesen als heute und auch der im Vergleich zum Fleisch viel teurere
Fisch war, vor allem als Fastenspeise, sehr beliebt. Diese Indizien führen Abel zu der Aussage: »Das
Spätmittelalter war eine Zeit der (relativen) Fülle« (S. 52). Der dritte Teil des Buches beschäftigt sich mit den
kurzfristigen Tendenzen (Konjunkturen) der spätmittelalterlichen Wirtschaft. Diese waren in der Hauptsache
vom Agrarbereich, von der jeweiligen Ernte, bestimmt. Das Wechselspiel von Versorgungskrisen durch
Ernteausfall und Absatzkrisen bei sehr reichlichen Ernten stellt Abel für Westeuropa vom letzten Drittel des
14. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts dar. Damit ergänzt er seine bisherigen Forschungen, denn in seinem
Buch »Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Europa« verfolgte er diese Konjunkturen seit
dem 16. Jahrhundert, also für die frühe Neuzeit.

Bemerkenswert ist, daß Abel in dieser Arbeit der städtischen Wirtschaftspolitik, die sich in der
Hauptsache als Krisenüberwindungspolitik begreift, einen breiten Raum zugesteht. Seine These ist, daß die
»städtische Wirtschaftspolitik in hohem Maße flexibel« gewesen sei (S. 126). Eine der wichtigsten Aufgaben
der städtischen Wirtschaftspolitik sei »die Sicherung der bürgerlichen Nahrung« gewesen (S. 125), und hier
hätten die städtischen Gewalten je nach Notwendigkeit gehandelt: In guten Erntezeiten ließen sie dem
Markt freien Lauf, während sie in Notzeiten den freien Wettbewerb durch vielerlei Verordnungen faktisch
aufhoben. - Wie beantwortet Abel nun seine Ausgangsfrage: Das Spätmittelalter - eine Krisenzeit?
Betrachtet man das absolute Sozialprodukt, das gefallen war, könnte man diesen Zeitabschnitt als eine
solche begreifen. »Wer aber die Menschen noch ins Bückfeld zieht, denen die Wirtschaft zu dienen hat, wird

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