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EBERHARD NAUJOKS
Der Wandel des preußischen Staatsgedankens
im Zeichen des Aufstiegs
zur wirtschaftlichen Großmacht"
Nach dem gewaltigen Umbruch der Verhältnisse in Deutschland seit dem Zweiten
Weltkrieg ist es nicht mehr einfach, unbefangen über das Staats- und Selbstverständnis Preußens
im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg zu sprechen. Die Frage, ob preußische Vergangenheit
etwas mit der deutschen Gegenwart zu tun hat, kann bei längerem Nachdenken sogar
»persönliche Betroffenheit« auslösen, je mehr wir uns mit Preußen als der »reinen Verwirklichung
der staatlichen Idee«1 und dem Preußentum als Dienst für die Allgemeinheit bzw. für den
Staat befassen. Obwohl der Alliierte Kontrollrat in seinem Gesetz Nr. 46 vom 25. Februar 1947
Preußen formell für aufgelöst, also tot erklärte, so daß sein Name seit der Mitte unseres
Jahrhunderts von der politischen Landkarte verschwand, ist der umstrittene Staat keineswegs
vergessen. Wie Michael Stürmer konstatiert, sind Mythos und Wirklichkeit Preußens Wesensmerkmale
im Geschichts- und Selbstverständnis der deutschen Gegenwart, sogar mehr als man
in der unmittelbaren Nachkriegszeit glauben mochte2. Diesen Sachverhalt demonstrierte der
Besuch der Berliner Preußen-Ausstellung und der bereits vorausgehende Streit um dieselbe, erst
recht aber die fortgesetzte Diskussion über die preußische Geschichte und das >Preußenbild<.
Wie weit die Berliner Ausstellung mehr wurde als ein >Versuch der Bilanz< über Preußen, muß
abgewartet werden.
Dennoch werden sich weiterhin die Kräfte gegenüberstehen, die eine Revision des
Preußenbildes und den Abbau glorifizierender Darstellungen verlangen, und diejenigen
Auffassungen, die die rein negierenden Urteile über den preußischen Staat und über dessen
fortschrittsfeindliche oder kulturwidrige Tendenzen zu korrigieren wünschen3.
Wie es der Titel andeutet, wollen wir uns nicht mit der gesamten Geschichte des
Hohenzollernstaates befassen. Um so wichtiger ist deshalb für uns die Entscheidung, wann das
preußische Staatsverständnis sein spezifisches Gepräge erhielt. Wir folgen deshalb dem
Vorschlag Otto Büschs, die Geschichte Preußens in drei Perioden zu gliedern,
1. in eine vorbereitende Zeit des Kurfürstentums Brandenburg und Herzogtums Preußen bis
zum Jahre 1701,
2. in die Kernzeit der eigenständigen Staatlichkeit Preußens unter den Hohenzollern seit der
Begründung des Königtums im Jahre 1701 bis zur Bismarckschen Reichsgründung und
* In der Reihe »500Jahre preußischer Geschichte« am 4. bzw. 6. Nov. 1981 in Hechingen bzw. Saulgau
gehaltener Vortrag. Die Überarbeitung des Textes wurde im März 1985 abgeschlossen.
1 D. Willoweit: Preußische Vergangenheit und deutsche Gegenwart. Überlegungen zum Ursprung und
zur Aktualität der preußischen Autokratie. In: O. Büsch/W. Neugebauer: Moderne Preußische
Geschichte (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin Bd. 52/53 Forschungen zur
preußischen Geschichte). Berlin-New York 1981. (künftig abgekürzt: Moderne Preußische Geschichte) III
1640 f.
2 M.Stürmer: Preußen als Problem der Forschung. In: Moderne Preußische Geschichte I 74f.
3 O. Büsch: Das Preußenbild in der Geschichte. In: Moderne Preußische Geschichte I 3.
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