http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1990/0013
Die dunklen Jahrhunderte
nur kurzer Verweildauer Töpfe zerschlagen worden. Wenn bei häufigem Wechsel der
Siedlungsplätze deren Bewohner Keramik elbgermanischen Charakters benutzt hätten, dann
wären deren Scherben an besonders vielen Plätzen zu erwarten. Wenn sich diese Keramik in
Grenznähe findet, nicht aber in Inneralamannien, dann heißt dies doch wohl, daß dort zu
dieser Zeit eben keine Elbgermanen ansässig waren. Die Keramik der inneralamannischen
Teilstämme scheint von der Gebrauchskeramik der davorliegenden Zeiten nicht zu unterscheiden
zu sein. Für die Bewohner dieser Gebiete ist deshalb eine andere ethnische und kulturelle
Grundlage zu postulieren als für die Alamannen am Oberrhein, am Main, im Ries und auf der
Ostalb, wo sich frühe germanische Keramik gefunden hat. Überdies ist für die Bevölkerung
Alamanniens im 3. und 4.Jahrhundert mehrfach Getreidebau belegt; Boelckei erwähnt sogar
Berichte von Getreideexporten in das Reichsgebiet. Dies setzt eine Seßhaftigkeit der alamanni-
schen Ackerbauern voraus.
Aus dem Ende der Münzreihen in den ehemaligen Römerorten, aber auch aus Weihefunden
wie dem von Bad Niedernau, wurde auf eine endgültige germanische Landnahme in der
Alamannia erst gegen Ende des 4. Jahrhunderts geschlossen. Dies stimmt mit der Bevölkerungsentwicklung
in Mitteldeutschland überein. Dort wurde bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts
ein Anwachsen, dann ein Abklingen elbgermanischer Funde beobachtet15. Dieser Befund wird
mit dem Abzug in das ehemalige römische Gebiet erklärt.
In der Zeit nach dem Fall des Limes scheint das südliche Südwestdeutschland noch eine
Sonderstellung gehabt zu haben. Auch wenn sich die römischen Truppen über den Rhein
zurückgezogen hatten, blieb dieser Raum die Interessensphäre Roms, die nie ganz aufgegeben
wurde, weil sie wichtig für die Verbindung zwischen Gallien und dem Donauraum war. Er
wird noch zu Beginn des 6. Jahrhunderts als Pufferzone im Vorfeld Italiens ausgewiesen, wenn
der Ostgote Theoderich die Alamannen in ihren südlichen Siedlungsgebieten unter seinen
Schutz stellt.
Wenn von der Archäologie mangels einschlägiger Funde von eindeutigem Charakter die
Frage nach den Bewohnern Alamanniens im ersten Jahrhundert nach dem Abzug Roms nicht
zu beantworten ist - gibt es für diese Frühzeit andere Quellen?
Als eine bereits für die schriftlose Frühzeit auswertbare eigenständige Geschichtsquelle
sind Orts- und Flurnamen zu betrachten. Allgemein wird dabei akzeptiert, daß die Ortsnamen
mit der Endung -ingen bis in die Zeit der germanischen Landnahme zurückreichen. Dabei
wird allerdings häufig verschwiegen, daß diese Zeit keinesfalls unmittelbar dem Abzug der
Römer im 3.Jahrhundert gefolgt ist, sondern mehrere Generationen später, erst in das
5. Jahrhundert anzusetzen ist. Auch die Ortsnamen mit der Endung -heim sind alt. Andere, in
ihrer zeitlichen Schichtung z.T. umstrittene Ortsnamentypen können hier unberücksichtigt
bleiben, da sie erst der frühmittelalterlichen Ausbaustufe angehören. Auf ältere Zustände
weisen dagegen einige Orts- und Flurnamen im südlichen Südwesten hin, die mit Wal(chen)-,
Welsch-, Heunen- oder Schalken- zusammengesetzt sind. Sie wurden früher für keltische oder
galloromanische Relikte beansprucht, in jüngerer Zeit dagegen für über den Rhein verpflanzte
Romanen, die im Gefolge fränkischer Grafen oder anläßlich der klösterlichen Siedlungsaktivitäten
des Mittelalters ins Land gekommen sein sollen16. Selbstverständlich sind bis in die
Neuzeit hinein Umsetzungen aus dem Westen belegbar. Erinnert sei z.B. an die Ansiedlung
der Waldenser provenzalischer Herkunft. So sind manche Ortsnamen erklärbar, nicht aber die
Vielzahl verstreuter Flurnamen. Diese besitzen Gültigkeit nur in einem eng begrenzten
Bereich und überliefern z.T. sehr alte Traditionen in der lokal ansässigen bäuerlichen
Bevölkerung.
15 Autoren-Kollektiv unter B. Krüger: Die Germanen. Geschichte und Kultur der germanischen
Stämme in Mitteleuropa. Bd. 2. 1983. S.461.
16 B. Boesch: Grundsätzliche Erwägungen zu den nicht-deutschen Orts- und Flurnamen am Oberrhein
und im Schwarzwald. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 113 (1965) S. 1 ff.
11
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1990/0013