Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1990/0219
Der Niedergang der Reichserbtruchsessen von Waldburg-Friedberg-Scheer

wie bei Friedberg-Scheer einige Jahre zuvor - 1683 in die kaiserliche Sequestration mündete.
Hier wie dort spielten Auseinandersetzungen mit den Untertanen mitauslösend und katalysierend
in das Geschehen hinein.

Freilich dürfen solche Gemeinsamkeiten die Unterschiede nicht verdecken, welche kennzeichnend
für die jeweiligen hauseigenen Probleme waren. Die Grafen von Hohenems hatten
sich in den Zeiten guter Konjunktur vor dem Dreißigjährigen Krieg durch ihre ehrgeizige
Erwerbungspolitik verschuldet. Bei den Truchsessen waren die Auseinandersetzungen der
Brüder Christoph, Karl und Gebhard zum Ausgangspunkt der finanziellen Misere geworden.
Die Position der Untertanen war bei den Waldburgern wesentlich schlechter, da sie längst
nicht in demselben Ausmaß wie die Hohenemser für die Schulden ihrer Herrschaft geradezustehen
hatten. Soweit es Graf Maximilian Wunibald anging, kollidierten seine Machenschaften
weit weniger mit den Interessen der meisten seiner Untertanen, als die von Ferdinand Karl.
Teilweise zielten sie sogar in dieselbe Richtung. Dem aber stand ein relativ geschlossener
Familienverband der Reichserbtruchsessen gegenüber, der gewillt war, die Krise zu meistern.
Die Protokolle der Familienkonferenzen zu Ende des 17. Jahrhunderts belegen dies. Hier war
das Haus selbst gewillt, den regierungsunfähigen Sproß von der Macht fernzuhalten und ihn
durch geeigneter erscheinende Persönlichkeiten zu ersetzen.

Hinzu kam die Tatsache, daß den Schulden Friedberg-Scheers vergleichsweise höhere
Einkünfte entgegenstanden, so daß im Unterschied zu den Hohenems eine Sanierung aus
eigener Kraft nicht ausgeschlossen erschien. So konnten die Truchsessen zu Ende des
17. Jahrhunderts - wenn auch unter nicht unerheblichen Gebiets- und Machtverlusten - den
wesentlichen Teil ihrer Donaubesitzungen noch einmal erhalten. Damit war die härteste
Krisenzeit überwunden, die für die Hohenemser mit dem Verkauf der Herrschaften Schellenberg
und Vaduz endete.

Trotz des weiteren Anstiegs der Verschuldung, zeigten sich in der Folgezeit in Friedberg-
Scheer deutliche Konsolidierungsbemühungen. Die zunehmend effektivere Nutzung der
wirtschaftlichen Möglichkeiten des Territoriums im 18. Jahrhundert zeitigte denn auch langfristig
gewisse Erfolge. Sicherlich hatte es einen Umdenkungsprozeß der Herrschaften und
ihrer Beamten erfordert, bis eine solide Haushaltsplanung und Buchführung - wie später unter
Graf Leopold August - durchgeführt wurde. Die Debitskommission von 1749 dürfte dazu
noch einen entscheidenden Anstoß gegeben haben. Daneben scheinen hier ansatzweise
Grundzüge des Merkantilismus durch, die jedoch nicht überzubewerten sind292.

Wir haben in unserer bisherigen Betrachtung auf die allgemeine konjunkturelle Situation
im 17. und 18. Jahrhundert kein Augenmerk gerichtet. Wie eingangs bereits erwähnt wurde,
soll auch auf einen umfangreichen historischen Vergleich verzichtet werden. Dennoch soll
nicht unerwähnt bleiben, daß die Finanzmisere von Friedberg-Scheer, bei allen Eigenheiten,
deutliche Konturen übergreifender wirtschaftlicher Entwicklungen zeigt. Das betrifft zum
Einen die Depression des 17. Jahrhunderts, die im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges und
der Pestkatastrophe von 1735/36 stand. Die Ausdünnung der Bevölkerung und die schlechte
Agrarkonjunktur waren Erscheinungen, die weite Teile des Deutschen Reichs erfaßten293.
Wenn wir auch aus dieser Zeit über keine genauen Zahlen für unser Territorium verfügen, so
zeigte doch der Schuldenanstieg, daß die Einnahmen nicht die erhoffte Höhe gehabt haben
können.

Damit aber ist bereits ein zweites typisches Phänomen angesprochen: Die zunehmende

292 Eine umfassende Charakterisierung der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands nach dem
Dreißigjährigen Krieg bis zum Ende des 18.Jahrhundens, bei: Lütge: S. 344-404. Freilich darf man sich
nicht darüber täuschen, daß konkrete Abhängigkeiten und die weitgehende Beibehaltung überkommener
Gesellschaftsstrukturen jeder Innovation und den wirtschaftlichen Ausbaumöglichkeiten Grenzen setzten
. Dazu zusammenfassend: Borchardt: S. 35-38.

293 Abel: Massenarmut und Hungerkrisen, S. 151-158. Ders.: Geschichte der deutschen Landwirtschaft
. S. 261-267.

217


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1990/0219