http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1990/0220
Jürgen Richter
Verschuldung des Adels nach dem Krieg wegen des Rückgangs der Einnahmen. Während die
gute Konjunktur des 16. Jahrhunderts es den Territorialherren erlaubt hatte, ohne größere
Schwierigkeiten Kredite aufzunehmen, war nun deren Rückzahlung für viele zum unüberwindlichen
Problem geworden294. Dies traf umsomehr zu, wenn - wie im Falle der Grafen
von Friedberg-Scheer oder derer von Hohenems - die Situation durch hauseigene Krisen noch
verschärft wurde.
Ein dritter Faktor sind die Unruhen der Untertanen. Sie waren zwar in der Regel räumlich
begrenzt, dafür aber in vielen Territorien des Reichs zu finden295. Sie hingen häufig mit
Versuchen der Obrigkeit zusammen, wirtschaftliche Verluste durch Zwangsmaßnahmen zu
kompensieren, wie etwa der Steigerung der Fronden. Das dürfte auch im Bereich unserer
Grafschaft zugetroffen haben. Die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Regelung der
Dienstleistungen scheinen jedenfalls im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen gewesen zu
sein296.
Schließlich schlug der allgemeine Trend der wirtschaftlichen Erholung im 18. Jahrhundert
auf Friedberg-Scheer durch. Das war zum Beispiel an der Steigerung der Getreidepreise und
der Erträge insgesamt zu erkennen. Trotz dieser typischen Erscheinungen darf nicht übersehen
werden, daß die lokalen Gegebenheiten sicherlich ebenso entscheidend auf die Entwicklung
einwirkten.
Als Fazit bleibt festzuhalten, daß es zu einseitig wäre, die Ursache für den Niedergang der
Reichserbtruchsessen und Grafen von Friedberg-Scheer mit dem Begriff »Mißwirtschaft«
bezeichnen zu wollen. Die vorhandenen Zahlen haben gezeigt, daß weder der Herrschafts-
noch der Verwaltungsaufwand im 18. Jahrhundert die Verhältnisse des Territoriums überstiegen
.
Angesichts der anderen bekannten Faktoren scheint es sogar fragwürdig, ob man von
einem wirtschaftlich bedingten Niedergang sprechen kann. Damit bestünde unter Umständen
die Gefahr, daß die Komplexität der Zusammenhänge verwischt würde. Die allgemeinpolitischen
und familienrechtlichen Implikationen kämen so zu kurz.
Sicherlich war die hohe Verschuldung die Triebfeder, welche schließlich zum Verkauf von
Friedberg-Scheer führte. Letztlich war sie aber wohl doch nicht das Produkt nichtökonomischen
Verhaltens im Sinne von Verschwendung, sondern viel eher das Ergebnis einer,
zuweilen unterbrochenen Kette von Ereignissen mit negativen Folgen.
294 Dazu näheres bei Press: Die aufgeschobene Mediatisierung. S. auch Kaphahn: Der Zusammenbruch
der deutschen Kreditwirtschaft im 17. Jahrhundert und der Dreißigjährige Krieg.
295 Vgl. dazu auch Press: Von den Bauernrevolten des 16. zur konstitutionellen Verfassung des
19.Jahrhunderts. Darin sind am Beispiel Hohenzollern-Hechingens Bedingungen und Formen der
Auseinandersetzungen von Untertanen mit ihren Landesherren herausgearbeitet. Eine Kurzanalyse zu
den Untertanenrevolten allgemein, bei: Blickle: Deutsche Untertanen. S. 92-111.
296 Vgl. dazu Kapitel2.2. dieser Arbeit, hier S. 178ff. Ferner gehen aus einer kaiserlichen Resolution in
causa subditorum, vom 3. November 1696 die Hauptanliegen der Untertanen hervor. Rep. I, K. IV, F. 11,
Nr. 5 (Kopie). Demnach wehrten sie sich erstens dagegen, mehr Verpflichtungen auf sich zu nehmen, als
ein Urbar von 1303 festgelegt habe; zweitens wandten sie sich insbesondere gegen die Leibeigenschaft.
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