http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1990/0248
Neues Schrifttum
Verfasser hat jedoch wohl etwas unkritisch den Begriff der schwäbischen Literatur, wie er in Rudolf
Krauss' Schwäbischer Literaturgeschichte von 1897 verwendet wird, zugrundegelegt. Eine literarische
Landschaft ist ja bekanntlich ein problematischer Begriff. Daß sich die Periodika des späten 18.Jahrhunderts
mit schwäbischer Kultur und schwäbischer Mentalität beschäftigten, darf den modernen Forscher
nicht dazu verleiten, einen einheitlichen Raum anzunehmen.
Letztlich geht es denn auch weniger um Literatur als um die Geschichte eines Vorurteils und dessen
Aufarbeitung - wie der französische Titel ja auch ausdrücklich sagt. Der Verfasser stellt die unablässigen
Bemühungen der süddeutschen Zeitschriften dar, den schwäbischen Stamm gegen die kulturelle Überlegenheit
des Nordens beziehungsweise deren Behauptung durch preußische und vor allem sächsische
Autoren in Schutz zu nehmen. Hier werden interessante Aspekte des schwäbischen Minderwertigkeitskomplexes
deutlich, die auch heute noch nachwirken. So erweist sich nach Volz der schwäbische Dialekt
als »Kern des Problems« (S. 153). Ob das so stimmt, ist allerdings doch sehr die Frage, da es ja auch für das
angeblich kulturell überlegene neidvoll beobachtete Sachsen gelten müßte. Im übrigen zeigt sich Kultur
vor allem in geschriebener Sprache, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Regel wohl kaum
noch Dialekt erkennen ließ, zumindest nicht in literarischen Texten.
Seit den 1770er Jahren überwiegt in der Presse mehr und mehr die positive Darstellung des
schwäbischen Geisteslebens - für Volz der Übergang vom »Komplex zum Selbstbewußtsein« (Teil IV,
S. 178ff.). Warum plötzlich dieser Durchbruch und dichterische Neubeginn, wird dabei allerdings nur
unvollständig deutlich; der Verfasser beruft sich hier wieder auf Krauss >Literaturgeschichte< (S. 188);
dessen Schilderung der Wandlung hätte aber wenigstens kurz kritisch referiert werden müssen. Der
Abschnitt über Schiller ist verhältnismäßig knapp und zeigt, daß in den Zeitschriften die überregionale
Bedeutung Schillers vor allem von Schubarts »Vaterländischer Chronik« erkannt wird. Aber gerade hier
erweist sich auch die Problematik der literarischen Landschaft aufs deutlichste: Schiller ist eben kein
schwäbischer Dichter. Die Darstellung gipfelt schließlich in dem Abschnitt über die Rehabilitation
Württembergs im Zeitalter Karl Eugens durch die Zeitschriften, deren Anzahl damals ihren Höhepunkt
erreichte. Daß Böothien - die Kulturprovinz - nun aber zu Athen - der literarischen und künstlerischen
Metropole - würde, wie die Zeitschriften glauben machen wollen, versieht auch Volz mit einem großen
Fragezeichen; »Schiller und Hölderlin, Schelling und Hegel verlassen diesen Winkel, der zwar so manches
Talent hervorzubringen vermag, aber im Raum und Geist zu eng ist, als daß die Riesen des Wortes und des
Denkens nicht daran ersticken müßten« (S. 239).
So besteht der Wert des Buches vor allem darin, daß in umfassender Weise einmal die ganze Vielfalt
der süddeutschen Zeitschriften der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts präsentien und dadurch ein
wichtiger Beitrag zur Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts geleistet wird.
Stuttgart Bernhard Theil
Von Habermus und Sonntagshäs. Leben auf dem Dorf 1917-1937. Erinnerungen. Mit Fotografien von
Hugo Frankel. Hg. von Wilfried Ballarin, Heidrun Deutsch, Ursula Kaminski und Walther Paape.
Sigmaringendorf: regio Verlag Glock und Lutz 1990. 140 S., 149 Abb.
Vor wenigen Jahren entdeckte ein Schüler im Oberschwäbischen auf dem Dachboden 1800 Fotoplatten
. Sein Großvater hatte sie in den Jahren 1917 bis 1937 belichtet. Der Fund wurde mit in die Schule
genommen. Dort bildete sich bald eine Arbeitsgruppe interessierter Schüler und Lehrkräfte, die das
Material sichtete, reproduzierte und schließlich sogar - in kleiner Auswahl - ausstellte. Der Erfolg der
Ausstellung führte zum Entschluß, die Fotografien zu veröffentlichen. Entstanden ist so ein wunderschönes
Buch, zu dem man dem noch jungen regio Verlag in Sigmaringendorf nur gratulieren kann. Der Titel
verspricht hier ausnahmsweise einmal weniger, als geboten wird. Den Ausgangspunkt und Kern des
Buches stellen nicht die Texte, stellen nicht die »Erinnerungen« an »Habermus und Sonntagshäs« dar,
sondern die in ihrer Geschlossenheit einmaligen Fotografien, die im Titel eher bescheiden wie Illustrationen
(»mit Fotografien von ...«) angekündigt sind. Der Fotograf heißt Hugo Frankel und ist heute über 90
Jahre alt. Seine Bilder nahm er im genannten Zeitraum in seinem Heimatdorf Ursendorf und in den
benachbarten Orten auf, in der sogenannten »Göge«, einem kleinen Gebiet zwischen Mengen und Saulgau
mit Hohentengen als Zentrum, das historisch als Diengau beziehungsweise als Amt Hohentengen in der
Grafschaft Friedberg-Scheer eine Gerichts- und Verwaltungseinheit bildete und sich seit der Gemeindereform
von 1974 mit dem Gebiet der Gemeinde Hohentengen deckt. Hugo Frankel war nun kein
professioneller Fotograf, sondern handelte als Sohn eines Sägewerkbesitzers zunächst mit Fahrrädern,
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