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Johann Georg Weckenmann
Die Büsten zeigen den jungen Weckenmann als einen Bildhauer, der zwar zu gewissen
Schematismen bei der Gewand-, Gesichts- und Haarbildung neigte, aber durchaus in der Lage
war, eine Figur in sich konsequent durchzubilden und in gewissen Grenzen Typen nicht nur
im Gesicht, sondern auch in der Haltung zu charakterisieren. Die Grundstimmung seiner
feinen, zerbrechlich wirkenden Heiligen war dabei eher weich, sentimentalisch, ein Charakteristikum
aller Weckenmann-Figuren bis zu den Spätwerken.
3.3 Die Hochaltarfiguren
Der Innenraum wird von den von Johann Michael Feichtmayr entworfenen Altären
bestimmt. Die leicht schräg in den Raum gestellten und darum bereits vom Eingang her in
Gänze zu sehenden Seitenaltäre bilden zusammen mit dem Hochaltar im Chor eine Art
»Schauwand«, auf die der Kirchenbesucher hingezogen wird (Abb. 4).
Beim Entwurf der Stuckmarmoraltäre übernahm Johann Michael Feichtmayr - vielleicht
auf ausdrücklichen Wunsch des Fürsten - die in Zwiefalten entwickelten Formen. Beim
Hochaltar schließen, wie beim Zwiefalter Vorbild, zu beiden Seiten des Altars im stumpfen
Winkel zwei Torbögen an, auf denen die Verkörperungen des Alten und Neuen Testamentes
stehen, in St. Anna allerdings nicht dargestellt von einem Papst und einem Hohepriester,
sondern von der weiblichen Personifikation der Ecclesia und der Synagoge.
Die beiden Seitenaltäre sind vereinfachte Repliken der seitlichen kleinen Querhausaltäre in
Zwiefalten. In ihrer flachen Nische erscheinen die Figuren der hll. Meinrad und FideÜs wie in
einer rahmenden Stuckkartusche. Alle vier Altarfiguren (Kat. Nr. 3d) sind in der bereits
erwähnten Abrechnung vom 30.10.1757 genannt und auf insgesamt 160 Gulden veranschlagt.
Damit wurde Weckenmann auch für seine Holzskulpturen, wie schon für seine Steinbüsten,
durchschnittlich bis gut bezahlt39.
Die ansprechendste unter den Altarfiguren ist die Synagoge (Abb. 7), hier auffallenderweise
als positive Figur charakterisiert. Sie steht - keineswegs gedemütigt - auf dem bevorzugten
Platz zur Rechten des Gnadenbildes und hält, was ganz ungewöhnlich ist, den Kelch als
Attribut. Man hat versucht, diese positive Darstellung damit zu erklären, daß Ecclesia und
Synagoge hier als Verkörperung der beiden Welten auftreten, die die hl. Anna als Mutter
Mariens miteinander verbindet40. Dies erklärt allerdings nicht, warum die Synagoge, anders
als der Hohepriester in Zwiefalten, den ranghöheren Platz am Altar einnimmt. Wurde in
St. Anna etwa der erzählerischen Abfolge in der üblichen Leserichtung von links nach rechts
der Vorrang vor der hierarchischen Repräsentation eingeräumt41?
Werkstatt S.27). Schahl, Künstlerunternehmer S. 396f. ging für das erste Drittel des 18.Jahrhunderts
von einem Preis von 2-3 Gulden pro Schuh Höhe einer Skulptur aus. Ein Schuh oder Fuß maß regional
unterschiedlich zwischen 25 und 40cm. Die Preise waren also insgesamt sehr niedrig (zur Relation vgl.
Anm. 23) und bewegten sich im Lauf des 18. Jahrhundens nur langsam nach oben. Die Entstehung der
Preisfreiheit in der Kunst als ganz besonderer »Ware« an den Höfen beschreibt Warnke, Hofkünstler
S. 170-201. Seine Ausführungen, an den großen italienischen Höfen ausgerichtet, haben für den südwestdeutschen
Raum im 18.Jahrhundert keine Bedeutung. Die Preisvergleiche zeigen aber, daß der unterschiedliche
Bekanntheitsgrad eines Künstlers und sein jeweiliges Alter bei der Bemessung der Bezahlung
eine gewisse Rolle spielten.
40 Barock in BW 1 S. 243, Nr. B 82, Eva Zimmermann unter Hinweis auf Renate Schumacher. Wedler,
Weckenmann S. 498 verweist darauf, daß in Haigerloch Juden Wohnrecht hatten. Ob sich das jedoch auf
die positive Darstellung der Synagoge ausgewirkt hat, muß doch stark angezweifelt werden, schließlich
waren die Juden in Haigerloch nur geduldete, keineswegs wohlgelittene »Gäste«, die für ihr Wohnrecht
viel Geld zahlten und denen viele Auflagen gemacht wurden, bis hin zur scharfen Beschränkung der
Heiratserlaubnis (vgl. »Streiflichter« S. 17).
41 Eine Vertauschung der Figuren von rechts nach links ist aus formalen Gründen undenkbar, beide sind
deutlich auf ihren Aufstellungsort ausgerichtet. Angesichts dieser Deutungsschwierigkeiten stellt sich die
Frage, ob die beiden Hochaltarfiguren überhaupt Ecclesia und Synagoge verkörpern sollen. Auf die sich
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