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Johann Georg Weckenmann
Die ruhige, wenig bewegte Haltung der Synagoge steht im Kontrast zu ihrem schwingenden
, flatternden Gewand, doch wirkt dieser Kontrast nicht als störender Bruch, sondern
vielmehr beruhigend und ausgleichend. Man möchte meinen, daß Weckenmann hier ganz
bewußt gestaltete. Das Gewand aus leichtem, stark knitterndem Stoff vermittelt den Eindruck
von körperlicher und seelischer Bewegung. Seine wegflatternden Zipfel sorgen für eine
unruhige, aufgebrochene Umrißlinie. Die Gewandbildung aus kräftig vortretenden Stegen,
tief gehöhlten Rinnen und unruhig über das Gewand springenden Kerben - aus denselben
Elementen also, die auch für einige der Büsten kennzeichnend sind - trägt ebenfalls zu diesem
bewegten, aufgewühlten Eindruck bei. Das Gewand ist dabei, trotz der stofflichen Charakterisierung
, nicht »realistisch« wiedergegeben, sondern wird als Ausdrucksträger eingesetzt. Im
Körper, der unter dem Stoff immer spürbar bleibt, kommt die Bewegtheit des Gewandes zur
Ruhe, wird seine Aufgewühltheit in die eher elegische Kopfhaltung überführt, der auch der
Gesichtsausdruck entspricht.
Körperhaltung und Gewandbewegung nehmen Bezug zum Aufstellungsort. Der Kopfwendung
entspricht die Hinwendung und Öffnung der gesamten Figur nach links, zum Altar
hin. Der nach links wegflatternde Gewandzipfel weist wie die linke Hand deutlich zum
Hochaltar. Nach rechts fassen die im Gürtel festgesteckten Stoffbahnen eines nicht näher
definierten Ubergewandes die Figur zusammen, wobei der von der linken Hüfte nach rechts
zum Sockel führende Gewandteil wie eine aufgesprungene Schale den Blick auf den unteren
Teil des Gewands und die Beine freigibt. Dadurch wird eine stärkere räumliche Wirkung und
eine Staffelung der Figur vom Altar weg nach außen erreicht. Die linke Hüfte wird als
Drehpunkt der Figur markiert, in dem verschiedene, durch das Gewand gebildete Kompositionslinien
strahlenförmig zusammenlaufen - ein klein wenig schematisch vielleicht. Doch
dreht sich die Figur nicht wirklich in der Hüfte.
Charakteristisch für die Synagoge erscheint also zusammenfassend die Trennung von
bewegtem Gewand und ruhiger Körperhaltung, wobei der Körper nicht unter dem Gewand
verschwindet. Auf den Aufstellungsort wird in der Haltung - auch in der Zusammenfassung
der Figur in einer Ansichtsseite - und Gewanddraperie Bezug genommen.
Das stark typisierte Gesicht der Synagoge entspricht mit seiner langen, geraden Nase, dem
zierlich vortretenden Kinn, dem kleinen Mund und den nirgends besonders ausgeprägten,
überall weich verschliffenen Formen ganz den Gesichtern der Büsten auf der Umfassungsmauer
. Gewisse Schematismen in der Gesichts- und Handbildung sind bei der Holzskulptur
ausgeprägter als bei den Steinbildwerken. Daß Weckenmann die Arbeit in Stein sicherer
beherrschte als das Schnitzen, belegen auch die Figuren der Kreuzigungsgruppe von St. Luzen
in Hechingen.
3.4 Einbindung der Hochaltarfiguren in das Frühwerk Johann Georg Weckenmanns;
zur Hechinger Kreuzigungsgruppe und der Haigerlocher Mater Dolorosa
In der bereits mehrmals erwähnten Rechnungsspezifikation vom 10.10.175544 werden
neben den Arbeiten für St. Anna die vor die Hh: Patres franziscaner zu St. Luzen ...3 von
Stain gemachte Bilde zuo dasigem Oehlberg angeführt, an deren Kosten sich der Fürst mit
60 Gulden beteiligt hat.
Die Figuren, die für den gemauerten Kalvarienberg am Ende des Kreuzwegs von der
Klosterkirche von St. Luzen in Hechingen bestimmt waren45 (Abb. 9-12), lassen sich demnach
zwischen 1753, dem Datum der 1755 erwähnten, verlorenen Abrechnung, und 1755 datieren.
Der Kruzifixus - der einzige für Weckenmann gesicherte neben verschiedenen Zuschreibun-
gen - präsentiert sich heute, nachdem er Anfang der 1930er Jahre bei einem Unwetter vom
44 Vgl. Anm.37.
45 Zu Erhaltungszustand und Aufbewahrungsort vgl. Kat. Nr. 9.
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