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Ulrike Elisabeth Weiß
ben werden105. Die gleichzeitig weichen und dennoch sehr präzisen Formen, die sich beim
Tabernakelkreuz von St. Anna beobachten ließen, kennzeichnen auch die beiden Prophetenbüsten
, Modelli für das Ottobeurer Chorgestühl, aus der Zeit zwischen 1755 und 1764,06. Die
Zuschreibung des Tabernakelkruzifixes von St. Anna an Christian kann also mit aller Vorsicht
gewagt werden.
Eine andere Frage ist, ob damit Christians vom Kloster Zwiefalten bezahlte Reise nach
Haigerloch erklärt ist. Vielleicht wollte sich das Kloster für den Einsatz der fürstlichen
Ochsen bedanken, indem es seinen Bildhauer nach Haigerloch schickte, um den Fürsten beim
Neubau zu beraten?
Wie allerdings hätte man sich eine solche Beratung vorzustellen? Sollte Christian etwa die
Entwürfe für die Altarfiguren geliefert haben ? Es läßt sich hin und wieder beobachten, daß ein
Bildhauer die Entwürfe eines (meist älteren) Kollegen umzusetzen hatte. Möglicherweise ließe
sich die große Ähnlichkeit der hll. Meinrad und Fidelis in St. Anna mit den Figuren der
Josephskapelle in Sigmaringen so erklären.
Ein solcher Erklärungsversuch ist jedoch keineswegs nötig. Vergleichbare Rückgriffe auf
überzeugende Figurenerfindungen, auch älteren Datums, finden sich im 18.Jahrhundert
häufig107. Es erscheint sogar sehr fraglich, ob Christian, der sich während seiner Zeit in
Zwiefalten künstlerisch entscheidend weiterentwickelt hat, über ein Jahrzehnt später einen
eigenen alten Entwurf neu aufgelegt hätte, zumal der Auftraggeber ja derselbe war108. Dieser
Rückgriff paßt besser zu einem jungen Künstler, der offenbar auf der Suche nach neuen
Ausdrucksmöglichkeiten war. Bei der Hechinger Kreuzigungsgruppe bewies Weckenmann
einen sicheren Zugriff auf seinen Gegenstand, doch offenbar hat ihn diese Lösung nicht mehr
befriedigt. In St. Anna experimentierte er mit neuen Ansätzen, wobei er sich eng am Vorbild
Christians orientierte. Bei den dortigen Seitenaltarfiguren bediente er sich direkter Vorlagen,
und bei der Ecclesia versuchte er, die neuen Anregungen aus Zwiefalten zu verarbeiten. Im
Zusammenhang der Figuren von St. Anna erschien die Synagoge als die am selbständigsten
und sichersten konzipierte Figur. Doch auch mit der Synagoge hat Weckenmann auf eine
Anregung von außen reagiert. Woher dieser neue Einfluß kam, der seine nachfolgende
(erhaltene) Werkgruppe prägte, wird nach einem kurzen Zwischenkapitel an den Sigmaringer
Altarfiguren zu prüfen sein.
105 Huber 1960 Abb. 84 und S. 85; Barock in BW 1 S. 161 f., NrB 7a und b; Entwurf-Ausführung, Kat.,
S. 227f., Nr. 273 (in den Katalogen jeweils mit ausführlichen Literaturangaben).
106 Barock in BW 1 S. 160f., Nr. B 6a und b; Entwurf-Ausführung, Kat., S.226f., Nr.272a und b.
107 So hat sich J. B. Straub bei seinen zwischen 1745 und 1750 entstandenen Figuren des hl. Rochus und
hl. Sebastian in Tegernsee in der Haltung (nicht im Ausdruck) deutlich an den bereits um 1700 in
St. Michael in Berg am Laim aufgestellten beiden Heiligen seines Lehrers Andreas Faistenberger orientiert
(Volk, Straub S. 23, unter Verweis auf Peter Steiner; Abb. 16-18 und 102). Für St. Michael in Berg am
Laim in München hat Straub 1743/44 vier Altäre geliefert. Der fürstenbergische Hofbildhauer Franz
Xaver Biecheler kopierte eine Anna-Selbdritt-Gruppe des Joseph Anton Hops, der später selber noch
einmal auf seinen Entwurf zurückgriff (Barock in BW 1 S. 221). Die Reihe der Beispiele ließe sich beliebig
verlängern.
108 Allerdings darf dabei der Benediktinerheilige aus der Hohenzollerischen Landessammlung in
Hechingen (Anm.94 und Kat. Nr. 7A) nicht ganz außer acht gelassen werden. Hier bediente sich
Christian des seitenverkehrt verwendeten Sigmaringer Entwurfs, während der Gewandstil deutlich in die
Zwiefalter Zeit weist. Unter Weckenmanns Händen mußte in jedem Fall eine andersartige Figur
entstehen, ganz gleich, ob er sich aus freien Stücken an den Sigmaringer Heiligen orientierte oder einem
davon abgeleiteten neuen Entwurf Christians zu folgen hatte.
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