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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1992/0200
Hans Albrecht Oehler

chen werden sollte. In St. Anna wird sie ganz zur Plattform für den fürstlichen Stifter. Die
Stelle des bunten Gefolges der Humbelina nimmt in Haigerloch das hilfesuchende und
hilfefindende Volk ein.

Zwischen Erde und Himmel, zwischen Fürst und Heiliger, läuft ein Dialog in goldenen
Lettern, ein sinnreiches doppeltes Chronogramm, das das Abschlußjahr des Kirchenbaus,
1755 - MDCCLV - beiden in den Mund legt:

ConCeDe tVteLaM Gewähre Schutzherrschaft!

ConCeDaM LVbens Ich werde sie gern gewähren.

Christus mit dem Kreuz, Gottvater und der Heilige Geist, nehmen an beiden Orten den
zentralen Himmelsraum ein. Von der linken oberen Ecke zur Bildmitte reicht eine kräftig
farbig angelegte Gruppe: Engel - Hauptfigur - Engel. Bis in Einzelheiten der Zeichnung - wie
die Bauschung eines Mantels oder die Haltung eines Flügels - ist diese Gruppe aus dem Fresko
in Kloster Wald übernommen, nur daß eben an Stelle der Immaculata in Weiß und Blau hier in
Haigerloch die Heilige Anna in Violett-Purpur und goldfarbenem Gewand mit ausgebreiteten
Armen Segen spendet.

Der Engel, der in der Mitte des Bildes in Kloster Wald die gesenkte Fackel über der
Weltseite hält und so deren Todes-Verfallenheit andeutet, muß über dem Hohenzollernhof
eine neue Funktion bekommen. Es wird ihm ein Schriftblatt FIAT (Es werde!) beigegeben,
eine Aussage, die nach dem CONCEDAM der Schutzheiligen eigentlich nicht mehr unbedingt
notwendig wäre.

Sein Begleiter aus der kleinflügeligen Putten-Kategorie hält in Kloster Wald die Mitra über
Bernhards Haupt, hier in Haigerloch rückt er nach rechts an das Bein des großen Genossen
und vermehrt, nun ohne besondere Aufgaben, eben das Heer der himmlischen Heerscharen.

Diese Beispiele zeigen, wie die einmal gefundenen Einzelformen beibehalten werden und
bei ihrer Wiederverwendung die Frage der Aufgabe im Sinne eines theologisch bestimmten
Programms durchaus durch die Forderung der Komposition verdrängt werden kann. Dabei
hat dieser Bildaufbau im Vergleich mit Kloster Wald an Einheitlichkeit und damit an Kraft
gewonnen.

Auch die Farbgestaltung ist mit Rücksicht auf den neuen Bildinhalt verändert. Setzten in
der Architekturmalerei in Kloster Wald Türkis und Gold Farbakzente, so geben in Haigerloch
rötliche Marmortöne, zusammen mit dem goldfarbenen Tuch, auf dem Fürst Joseph Friedrich
kniet, den Hintergrund für den prächtigen königsblauen, silbern bestickten Ordensmantel des
Georgs-Ordens.

Zwei Stiftungen präsentiert der Fürst mit demütig gebeugtem Knie und ruhig auf den
Beschauer gerichtetem Blick. Die elegant gespreizte Linke weist auf einen sehr genau
gezeichneten Plan unserer Kirche, der auch die Fürstenloge auf der Empore und die Treppe,
die dazu hinaufführt, nicht ausläßt. Und über die Begleitergruppe rechts von ihm wird der
Reliquienschatz hochgehalten, den, wie wir sahen, P. Sebastian Sailer in seiner Predigt so
gepriesen hat, und der dem Volk auf der Treppe die Nähe der wundertätigen Heiligen Anna
vermittelt.

Die Augen sehen die milde Stifftung eines Reichs-Fürsten I welche ja nicht nur unser
Schwaben I sonder die ganze Welt erblicken solle. So Sebastian Sailer. Daß die Haigerlocher
St. Anna-Kapelle dann in zweieinhalb Jahrhunderten weniger bekannt geworden ist als andere
Werke ihres Ranges, hängt vielleicht auch damit zusammen, daß sie nicht in einem der
Werkkataloge der großen Architekten ihrer Zeit verzeichnet steht. Der bis heute nicht sicher
benennbare Planer und der Stuckateur Johann Michael Feuchtmayer haben einen großartigen
Innenraum geschaffen; mit ihnen gemeinsam haben der Freskant Andreas Meinrad von Ow
und der Bildhauer Georg Weckenmann ein Gesamtkunstwerk erster Ordnung gestaltet.

Seit Jahrzehnten geistert durch die Literatur, die sich sonst mit der Ergründung der
Bildinhalte nicht viel Mühe gemacht hat, die These, daß in den drei Figuren, die rechts neben
dem Stifter stehen, drei heimische Künstler, das »Künstlerkleeblatt« von Ow, Großbayer, der

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