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Heinz Pfefferle
Herr Lehr hat mir in Freiburg mitgeteilt, dass er bei seinen Reisen in Nordbaden festgestellt
habe, dass die Alt-Badener mit Großflächenreklame arbeiten. Er bittet die Geschäftsführer
Nordbadens in gleichem Maße Großflächenreklame aufzustellen... Ich bitte, das Notwendige
sofort zu veranlassen ...u.
3. Schließlich gehen vom Generalsekretariat auch erhebliche wahlstrategische Impulse aus.
Nicht nur, daß der Generalsekretär intensive Kontakte zu verschiedenen Interessenverbänden
unterhält (zur Industrie, zu den Gewerkschaften, zum Bund der Steuerzahler). Es spricht
einiges für die Annahme, daß gerade Albert Maria Lehr als Generalsekretär die Einbindung
von Flüchtlings- und Vertriebenenfunktionären in die Südweststaatsbewegung betreibt. Daß
dies nicht von Anfang an und langfristig so konzipiert ist, zeigt die Zusammensetzung des
südbadischen Aktionskomitees für den Südweststaat und die der Vereinigung zur Förderung
des Zusammenschlusses der württembergischen und badischen Länder. In keinem der beiden
Gremien ist ein Vertriebenenvertreter Mitglied, während für die Arbeitsgemeinschaft für die
Vereinigung Baden-Württemberg der anfänglich widerstrebende Dr. Bartunek, Vorsitzender
des Verbandes der Heimatvertriebenen, gewonnen werden kann18. Erleichtert wird dies durch
die Versuche der altbadischen Seite, Flüchtlinge und Vertriebene durch ein »Geburtsrecht«
von der Abstimmung auszuschließen. Auch der altbadische Heimatbegriff war schwerlich
geeignet, unter den Vertriebenen Zustimmung zu finden. Der Erfolg der Strategie der
Einbindung jedenfalls ist unbestritten: in vertraulichen Rundschreiben ist sowohl das Generalsekretariat
als auch die Arbeitsgemeinschaft der Badener überzeugt, daß die Erfolge der
Südweststaatbewegung durch die Stimmen der Flüchtlinge und Vertriebenen erzielt werden19.
Festzuhalten ist insgesamt, daß das Generalsekretariat die zentrale Vergabestelle der
Finanzmittel ist; sie ist in dieser Beziehung geradezu die vorgesetzte Behörde der Bezirkssekretariate
. Ein Schreiben der Vereinigung zur Förderung des Zusammenschlusses der württembergischen
und badischen Länder vom 6. September 1951 spricht geradezu von Mittelzuweisung
des Generalsekretariats Freiburg an die Südweststaat-Vereinigung Württ.-Hohenzol-
lem und von Mittelanforderungen der Kreiskomitees20. Der straff zentralistische Aufbau
könnte nicht deutlicher werden. Nur ausnahmsweise erhalten die Bezirkssekretariate direkt
Gelder. Die Regel ist die Mittelvergabe durch das Freiburger Generalsekretariat; auch die
Abrechnung und Rechnungslegung (und damit die Entlastung) erfolgt über diese Zentralstelle.
Schließlich zeigt der personelle Aufwand den Einfluß des Generalsekretariats. Eine
Rechnungsaufstellung vom 1. August 1950 macht die Relationen zwischen Bezirkssekretariaten
und Generalsekretariat deutlich. Für das Bezirkssekretariat Südbaden werden 1 Sekretär,
2 Schreibkräfte, 2 Hilfsarbeiter und 1 Fahrer beschäftigt. Dieselben Personalkosten werden für
das Bezirkssekretariat Nordwürttemberg angesetzt. Für das Generalsekretariat dagegen werden
in demselben Schreiben nicht weniger als 30 besoldete Personen angefordert: 5 Sachbearbeiter
, 6 Schreibkräfte, 1 Telefonistin, 1 Fahrer, 1 Grafiker (!), 16 Hilfskräfte und Hilfsarbeiter21
.
In der Rechnungslegung für das Jahr 195022 wird die Relation zwischen Bezirkssekretariaten
und Generalsekretariat in zweifacher Weise deutlich. Einmal wird ausgewiesen, daß von
den staatlichen Gesamtaufwendungen für den Wahlkampf in Höhe von 410000 DM nicht
17 StA Sig. Wü 2/280.
18 Siehe Berichte über die jeweiligen Gründungsversammlungen (StA Sig. Wü 2/229) und Bury (wie
Anm.3) S. 142f., 161 ff. Gemäß Protokoll der Sitzung des Hauptausschusses vom 23. Juni 1951 werden bei
den Neuwahlen zum Hauptausschuß auf die Bitte des Herrn Lehr 3 weitere Vertreter der Heimatvertriebenen
gewählt (StA Sig. Wü 2/238).
19 Bury (wie Anm. 3) S. 164.
20 StA Sig. Wü 2/233.
21 Siehe »Aufstellung der Kosten des Generalsekretariats in der Zeit vom 1.7.50 bis 31.7.50« (StA Sig.
Wü 2/233).
22 Bericht über die Erstellung der Endabrechnung usw. (wie Anmerkung 9).
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