Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1992/0218
Heinz Pfefferle

ihren parteipolitischen Großmachtplänen abbringen lassen würde! Es wurde bald ein neuer
Plan geboren. (Gemeint ist die Idee des Kassenkredits.)

Aufgrund des Vergleichs mit den Zahlen von 1950 erscheint die genannte Gesamtsumme
nicht unrealistisch hoch. Zweifel dagegen weckt der Anteil von Württemberg-Hohenzollern
an den Gesamtkosten. Auch sonst verrät der Artikel durchaus Hintergrundswissen. Denn die
Behauptung, die Südweststaatpropagandisten stellten große Spesen- und andere Rechnungen,
ist sicher geeignet, die auch innerhalb der Arbeitsgemeinschaft für die Vereinigung Baden-
Württemberg bestehenden Zweifel am Finanzgebaren des Büro Lehr zu schüren. Es ist sogar
die Rede von allerhand Bereicherung, um die die Eingeweihten wüßten. Zumindest ist der
Artikel psychologisch geschickt abgefaßt. Dies gilt auch für den weiteren Gedankengang, an
die Heimatvertriebenen, die Flüchtlinge, die Wohnungssuchenden und die Gewerbetreibenden
zu appellieren, die man mit ihren Wünschen in Stuttgart ständig abweise.

Angesichts der sehr konkreten Angaben und des brisanten Termins der Veröffentlichung
in der heißen Phase des Abstimmungskampfes rechnet man eigentlich mit weiteren Publikationen
- gerade dies scheint jedoch nicht passiert zu sein: der Artikel bleibt singulär. Trifft
dieser Befund zu, dann ist dies schwerlich anders interpretierbar, als daß der Großteil der
südwestdeutschen Presse über die Südweststaatbewegung nichts wirklich Negatives zu berichten
gewillt ist. Eine kritische Öffentlichkeit kann so nicht entstehen; kritisch Gestimmte sind
auf Mutmaßungen angewiesen.

7. ZUM CHARAKTER DER ARBEITSGEMEINSCHAFT-
VERSUCH EINER EINORDNUNG

Bei der Arbeitsgemeinschaft handelt es sich um einen geradezu klassischen Fall einer
single-issue-association: sie wird für einen bestimmten, begrenzten Zweck gegründet und
nach dem Erfolg ihrer Bemühungen aufgelöst. Mit dieser Feststellung enden dann allerdings
die klaren Verhältnisse. Sicher verfehlt ist es, sie als lose(n) Zusammenschluß >interessierter
Bürger< zu bezeichnen, wie es Carola Bury tut47. Es kann ja gezeigt werden, wie straff und oft
streng zentralistisch vom Büro Lehr geleitet die Arbeitsgemeinschaft operiert. Ebensowenig
ist sie eine Art Bürgerinitiative, wie es Weinacht annimmt48. Eher könnte man angesichts
vielfältiger Verflechtungen von einer halbstaatlichen Einrichtung reden, die sich offenbar
erfolgreich als Bürgerinitiative tarnt, wozu sicher der überkonfessionelle und vor allem der
überparteiliche Zuschnitt beiträgt. Auch wenn der Arbeitsgemeinschaft fraglos gelungen ist,
viel Idealismus von »unten«, von der »Basis« zu mobilisieren, so ist sie doch im Kern ein
Instrument einer Mobilisierung von »oben« durch Regierungen und Verbandseliten (z.B. der
stark engagierten Gewerkschaftsführung) und durch Honoratioren auf Kreisebene und vor
Ort. So modern sie im Einsatz der Technik ist, so professionell sie arbeitet, so antiquiert

47 Bury (wie Anm. 4) S. 299. Bury bezieht dies auf die Vereinigung Südwest, die sie m.E. nicht immer
eindeutig von der Arbeitsgemeinschaft für die Vereinigung Baden-Württemberg unterscheidet. Auch in
diesem Fall wird die Vereinigung Südwest als Gegenspielerin der Arbeitsgemeinschaft der Badener
verstanden, was von der Organisationsebene (vgl. Schema S. 167) nicht zutrifft. Bezeichnend ist, daß etwa
die Typologien in Klaus von Beyme: Interessengruppen in der Demokratie. 1969. S. 26ff. völlig versagen.
Dasselbe gilt für: Verbände in Baden-Württemberg. Hg. von Herbert Schneider (Schriften zur
politischen Landeskunde Baden-Württemberg. Hg. von der Landeszentrale für politische Landeskunde
Baden-Württemberg B 14). 1987.

48 Bury (wie Anm. 3) S. V, Anm. 3: Weinacht bezeichnet die Arbeitsgemeinschaften als eine Art
Bürgerinitiative'... Im Vorwort zu diesem Buch zählt Weinacht allerdings auch einige Unterschiede
zwischen der Vereinigung Südwest und Bürgerinitiativen auf (auch für das Vorwort gilt das in Anm. 47
Gesagte zur Gleichsetzung von Vereinigung Südwest und Arbeitsgemeinschaft für die Vereinigung
Baden-Württemberg).

176


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1992/0218