Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 31
(PDF, 85 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0045
Politische Identitätsbildung im Lande Württemberg-Hohenzollern

tembergische SPD, die trotz allem ihr von Carlo Schmid verordneten ideologischem Umdenken
(etwa in ihrem Verhältnis zur Kirche) dem Regionalismus nach 1945 nicht ausreichend
Rechnung zu tragen vermag.

1.7. Identitätsbildung »von unten«: demokratische Bestätigung der Identitätsstiftung

Zu den Besonderheiten südwürttembergischer Identitätsbildung gehört, daß sie sich immer
wieder an zentralen demokratischen EntScheidungsprozessen konkretisiert:

- an den Landtagswahlen vom Mai 1947 mit ihrer gleichzeitigen Volksabstimmung über die
umstrittene Verfassung;

- an der Schulgesetzgebung;

- an der Südwestaatsdebatte und -abstimmung.

Identitätsfragen sind in Württemberg-Hohenzollern nie abgehobene Fragen von Literaten
und Schöngeistern, sondern sehr praktische politische Angelegenheiten. Sie sind keine belle-
tristische-feuilletonistische Erfindungen, sondern mit elementaren Machtfragen verknüpft,
nicht Rankenwerk, sondern Stammholz.

Es hat in der Literatur aufgrund ihrer Voreingenommenheit in Sachen gesamtwürttember-
gischer Orientierung keine Beachtung gefunden, daß die Landtagswahl vom Mai 1947 zu erheblichen
Teilen von der Diskussion über südwürttembergische Eigenstaatlichkeit und Identität
bestimmt wird. Umfragen des französischen Sozialpsychologischen Instituts und der
Vergleich mit Rheinland-Pfalz zeigen überdies ein erhebliches Interesse und eine beträchtliche
Informiertheit der Bevölkerung in diesen Fragen. Die Bildung einer politischen Identität in
Württemberg-Hohenzollern leistet somit einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur Demokratisierung
nach 1945. Wie sich am Verfassungsstreit besonders gut zeigen läßt, ergreift die
Mehrheit der südwürttembergischen CDU unter der Führung von Lorenz Bock zielstrebig
und von Anfang an die Chance einer »identitätsstiftenden« Politik {Uwe Uffelmann)27. Die
Wahl- und Abstimmungsergebnisse vom Mai 1947 zeigen, daß sie damit einem Wunsch der
Wählermehrheit entspricht.

1.8 Identitätsbildung im Parteienstreit

Identität in Württemberg-Hohenzollern nach 1945 ist also nicht nur eine politische, sondern
eine parteipolitische Frage. Die Frage der Landesidentität einigt nicht etwa die politischen
Parteien, sondern trennt sie aufs Schärfste. Je nach Parteizugehörigkeit wird südwürttembergische
Identität begrüßt und gefördert oder radikal abgelehnt.

SPD, DVP und KPD sehen in diesem Land nur ein negatives Zufallsprodukt der Nachkriegszeit
, das es durch den schnellen und möglichst nahtlosen Anschluß an Nordwürttemberg
zu beseitigen gilt. Das Land Württemberg-Hohenzollern ist gleichsam ein Teil der Trümmerlandschaft
, aus der es das Land Württemberg wieder neu zu bauen gilt. Carlo Schmid ist
innerhalb der SPD der Westzonen fraglos ein Vorkämpfer für den Föderalismus; das zeigt die
Arbeit von Edgar Wolfrum eindeutig. Ebenso eindeutig ist jedoch für Carlo Schmid als Landespolitiker
, daß er als emotionalen Bezugspunkt nur Württemberg kennt. Immer wieder präsentiert
er bei den berühmten Landrätetagungen sein diesbezügliches Glaubensbekenntnis:

Mag kommen, was da wolle, im Norden wie im Süden wird immer sein: Württemberg.

Hie gut Württemberg allewege!
Für alle Wünsche eines südwürttembergischen Regionalismus bleibt Carlo Schmid dagegen
taub; als Franz Gog Wünsche nach hohenzollerischer Autonomie vorträgt, wird er im Beben-

27 Siehe Uve Uffelmann: Identitätsstiftung in Südwestdeutschland. Antworten auf politische Grenzziehungen
nach dem Zweiten Weltkrieg. Idstein 1996.

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