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Heinz Pfefferlc
hauser Landtag beschieden, daß solche Wünsche nach einem Monaco in einer Zeit globaler
Auseinandersetzungen in Europa im Zeichen des Kalten Krieges völlig anachronistisch seien.28
Ganz anders liegen die Dinge bei der CDU. Ihr konservativer Flügel, die Mehrheit innerhalb
der südwürttembergisch-hohenzollerischen CDU sieht schon sehr früh (nämlich im
Herbst 1946) im sich abzeichnenden Land Württemberg-Hohenzollern die Chance zur Verwirklichung
alter Träume christlicher und neokonservativer Politik. Die objektiven Strukturen
dieses Landes stehen gleichsam bereit, um ein entsprechendes Landesprofil durch eine
entsprechende Politik herauszuarbeiten. Deutlich wird dies vor allem in der Schul- und
Bildungspolitik sowie in der Idee einer sozialen Harmonie. Die detailreiche Studie von Rolf
Winkeler zeigt mit unwiderlegbarer Präzision, daß die Bekenntnisschule eben nur unter den
Bedingungen des Landes Württemberg-Hohenzollern zustande kommen konnte. In dieser
Frage wird zudem deutlich, daß auch hier gegen den Widerstand der französischen Besatzungsmacht
und ihre Vorstellung von der Trennung von Kirche und Staat angekämpft
werden muß. Besonders deutlich wird hier auch, daß hinter diesen Forderungen der süd-
württembergischen CDU ein zum Teil vehementer Volkswille steht. Oberschwäbische
Vertreter in der Beratenden Landesversammlung müssen einräumen, daß sie in dieser Frage
nicht frei entscheiden können: ohne die katholische Bekenntnisschule dürften sie nicht nach
Hause kommen1''. Dies wird niemand überraschen. Überraschender ist dagegen das von Winkeler
formulierte »Bündnis von Rottenburg und Korntal«30 in dieser Frage, denn auch in pietistischen
Kreisen wird die Konfessionsschule gefordert. Immer wieder wird besonders bei
der CDU zudem die Vorstellung geäußert, daß die sozialen Verhältnisse, insbesondere die
dominierende Stellung der mittelständischen Wirtschaft eine Frontstellung zwischen Kapital
und Arbeit erübrigen, daß unter den speziellen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen
des Landes Württemberg-Hohenzollern das Modell sozialer Harmonie durch Interessenausgleich
keine Utopie sei. Damit entspricht die CDU dem Bewußtsein weiter Teile auch der
Arbeiterschaft in Württemberg-Hohenzollern. Gerade hier wurde in der Industrialisierung
der Bauer zum Fabrikarbeiter ohne seine landwirtschaftliche Tätigkeit aufzugeben; von
seiner Mentalität her ist er auch nach 1945 eher Landwirt denn Fabrikarbeiter. Die CDU
verfolgt überdies seit den Gemeindewahlen vom September 1946 die Linie einer Identifizierung
von CDU und Land. Im Gegensatz zu anderen Parteien wirbt sie offen mit der Parole
Liebe zur Heimat.
Es wäre verfehlt anzunehmen, daß mit dieser Linie die CDU jedem Problem in Sachen
südwürttembergischer Identität entgeht. Vielmehr ist sie gerade aufgrund ihres starken Engagements
in bezug auf die Landesidentität gespalten. Bei einer CDU-Wahlveranstaltung in
Reutlingen im April 1947 sagt der Referent, Dr. Lambacher vom Tübinger Kultministerium:
Was die Schulfrage betreffe, so lägen die Dinge weit verwickelter, als man das eben allgemein
beurteile. Die CDU habe in dieser Hinsicht auf die historische Entwicklung des südlichen
Württemberg Rücksicht nehmen müssen, in dem das Oberland eine besonders wichtige Rolle
spiele ...)\ Dieser Schwerpunkt in Oberschwaben (der sich auch in der Zahl der Ortsvereine
und ihrer Größe sehr deutlich widerspiegelt) unterscheidet die CDU von allen anderen Parteien
. Mit anderen Worten: die südwürttembergische CDU wird zur Sprecherin regionaler Identitätswünsche
. Konkurrenz der anderen Parteien ist dabei nicht zu beobachten; sie überlassen
28 Protokoll der Sitzung vom 17. April 1947, S. 113 (StA Sigmaringen Wül/1).
29 Zitat nach Role Winkeler: Schulpolitik in Württemberg-Hohenzollern 1945-1952. Eine Analyse
der Auseinandersetzungen um die Schule zwischen Parteien, Verbänden und französische Besatzungsmacht
. Stuttgart 1971, S. 57.
30 Ebd. S. 55, Anm. 12.
31 Schwäbisches Tagblatt (Reutlinger Ausgabe) vom 15. April 1947 (in: Nachlaß Eugen Wirsching, StA
Sigmaringen N 1/2, Nr. 4).
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