Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 34
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Heinz Pfefferle

loren. Dies hat sich in den letzten zehn Jahren durch die Beiträge von Peter Blickle, Günther
Bradler und Hans-Georg Wehling gründlich geändert35.

Der im 13. Jahrhundert gebildete Verwaltungsbezirk »Suevia superior« erhält demnach im
Spätmittelalter eine bestimmte innere Struktur und wird so zu einer abgrenzbaren »politischen
Landschaft«, die durch Kleinräumigkeit, Kreativität und Vielfalt der politischen Herrschaftsformen
und, wie Blickle meint, durch »einen Hauch von republikanischem Geist« sich
von den anderen Territorien abhebt36. Diese noch recht unbestimmte Identität wird bei der
zwangsweisen Inkorporation Oberschwabens in das neue Königreich Württemberg durch
den Zusammenprall altwürttembergischer und oberschwäbischer Mentalität und Lebensform
mächtig angefacht. Hans-Georg Wehling, der in seinen Aufsätzen der 80er Jahre nur von einer
spezifischen »politischen Kultur« Oberschwabens gesprochen hat, verwendet in seinen neuesten
Beiträgen für das 19. Jahrhundert ausdrücklich den Begriff einer »oberschwäbischen
Identität«37. Wehling arbeitet damit immer deutlicher die Sonderrolle Oberschwabens im
19. Jahrhundert innerhalb Württembergs heraus. Konkret gemeint ist damit etwa die »ultra-
monatane Wende« der katholischen Kirche Oberschwabens, die in Verbindung mit einem
kräftig sich entwickelnden katholischen Vereinsleben und katholischen Massenmedien eine
auf breite Basis gestellte Absetzbewegung von altwürttembergisch-protestantischen Traditionen
zur Folge hat. Noch einmal: die Inkorporation Oberschwabens im Königreich Württemberg
hat im 19. Jahrhundert keine angleichende, sondern eine differenzierende Wirkung.

So plausibel und detailreich bis hierher die oberschwäbische Identität inzwischen von der
Geschichtsschreibung dargestellt wird, so inkonsequent wird ihre Geschichte fortgesetzt.
Hans-Georg Wehling schreibt etwa: »Die Wiederherstellung Württembergs nach 1945 in den
Grenzen des alten Königreiches war nicht gefährdet, trotz mancher - letztlich katholischer -
Gedankenspiele. Die Landesregierung in Tübingen verstand sich von Anfang an als »Abwesenheitspflegen
für Stuttgart«38. Wehling hat bisher nicht einmal zu erklären versucht, warum
sich die von ihm selbst so überzeugend dargestellte oberschwäbische Identität des 19. Jahrhunderts
im 20. Jahrhundert gleichsam in Luft auflösen soll. Daß ausgerechnet Wehling in die
Formeln von Carlo Schmid und Eberhard Konstanzer verfällt, ist schwer verständlich, ebenso
daß er im vorliegenden Zitat zwischen der oberschwäbischen Bevölkerung und der Landesregierung
keinen Unterschied zu machen gewillt ist. Ganz anderer Meinung ist in diesem Punkt
Stefan Ott. Er schreibt: »Im Gefolge des Zweiten Weltkriegs, verstärkt durch den Umstand,
daß Oberschwaben französische Besatzungszone wurde und vom übrigen Württemberg abgeschnitten
war, setzte eine kraftvolle Selbstbesinnung im Lande ein. Ein neues Bewußtsein
von der geschichtlichen und kulturellen Eigenart erwachte ...«39. Genau dies wird im folgenden
zu zeigen sein: weder fühlen sich die Oberschwaben nach 1945 plötzlich als Württemberger
noch empfinden sie eine undifferenzierte Sehnsucht nach Stuttgart und erst recht nicht

35 Hier sei nur eine Auswahl neuester Werke vorgestellt: Peter Blickle (Hg.): Politische Kultur in
Oberschwaben. Tübingen 1993; Günther Bradler: Fragmente des oberschwäbischen und Westallgäuer
Regionalbewußtseins nach 1945. Bemerkungen zur Landesgeschichte. In: Verein rettet die Waldburg e. V.,
Blättle Nr. 15 - Mitteilungen des Vereins im September 1994, S. 12-23; Ders.: Regionale Graswurzel-Demokratie
im Allgäu, am Bodensee und in Oberschwaben nach 1945. Zur Ausstellung des Stadtarchivs:
Wangen im Allgäu 1945 - Kriegsende und dann? In: Jahrbuch des Landkreise Lindau 11 (1996), S. 19-29;
Hans-Georg Wehling (Hg.): Oberschwaben. Stuttgart-Berlin-Köln 1995.

36 Peter Blickle: Politische Landschaft Oberschwaben. In: Peter Blickle (wie Anm. 1), S. 9ff.

37 Hans-Georg Wehling: Oberschwaben - Umrisse einer regionalen politischen Kultur. Eine Einführung
. In: Hans-Georg Wehling (wie. Anm. 35). S. 16.

38 Hans-Georg Wehling: Oberschwaben oder Württemberg? Integrationsprobleme zweier politischer
Kulturen. In: Peter Blickle (wie Anm. 35), S. 305

39 Stefan Ott: Bilder aus der Geschichte Oberschwabens. In: Oberschwaben. Gesicht einer Landschaft
. Hg. von Stefan Ott. 1972, S. 119.

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