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Frank Raberg
flußnahme unterstützen, vermochte Müller nicht zu bewegen, sich mit Wulf zu treffen beziehungsweise
den Verfassungsentwurf an die bayerische Staatskanzlei zu senden, wo der Verfassungsexperte
Ministerialdirigent Friedrich Glum die fraglichen Partien einmal einer genauen
Prüfung unterziehen sollte41. Die fraglichen Partien: das waren die Bestimmungen der künftigen
Verfassung, welche die Rolle der Kirche und die Schulform regelten, und es kann keinen
deutlicheren Beweis für die innere Unabhängigkeit des gläubigen katholischen Christen Gebhard
Müller geben als die Tatsache, daß er hier die gewünschte Einflußnahme verhinderte.
Kurz vor der Landtagswahl und dem Volksentscheid stellte Müller in einer Wahlrede im
Tübinger Museum klar, daß die Verfassung den ersten Schritt zur Freiheit darstelle. Der Landtag
werde das Regieren aus dem Sattel beenden und an der Gestaltung des gesamtdeutschen
Schicksals mitreden. Die CDU habe um der Zustimmung weitester Volkskreise willen ihren
Verfassungsentwurf revidiert. In der Lösung der Schulfrage sah der Redner Idealdemokratisches
, denn der Wille der Eltern sei maßgebend42. Hier konnte der ansonsten eher
liberale Christdemokrat nicht aus seiner Haut.
5. RÜCKSCHLÄGE UND PYRRHUSSIEGE
Die Wahl vom 18. Mai 1947 brachte der CDU im Bebenhäuser Plenarsaal eine stabile absolute
Mehrheit. Es entsprach den Gepflogenheiten der parlamentarischen Praxis der Weimarer Zeit,
einen Staatspräsidenten aus den Reihen der stärksten Partei zu nominieren. Der CDU-Landesverband
setzte sich für Müller ein, die CDU-Landtagsfraktion auf besonderes Betreiben vor
allem Niethammers und Sauers für Lorenz Bock. Außerdem versuchte die SPD unter Hinweis
auf dessen unbestrittene Verdienste und guten Draht zu den französischen Machthabern, Carlo
Schmid als Regierungschef mehrheitsfähig zu machen43. Die Personalfrage des Staatspräsidenten
wuchs sich zu einer politischen Richtungsentscheidung aus. Der seitens der CDU mit den
Koalitionsverhandlungen betraute Müller stand für eine Koalition ein, die notfalls auch Carlo
Schmid als Staatspräsidenten akzeptiert hätte, weil es ihm vorrangig um das effektive Zusammenwirken
der stärksten Parteien unter Ausschluß der Kommunisten ging, um die Erhaltung
des überparteilichen demokratischen Konsenses zur Lösung der gewaltigen Probleme des jungen
Staates. Für Bock stand im Vordergrund, daß die Union so stark war, daß sie problemlos
auch allein eine Regierung hätte bilden können. Fraglos werden die Repräsentanten des konservativen
Flügels für Bock auch in die Waagschale geworfen haben, daß dieser ein erfahrener
Parlamentarier war, der, obwohl aus Rottweil, großen Rückhalt in Oberschwaben hatte,
während Müller vergleichsweise ein Newcomer war, der sehr rasch aufgestiegen war, aber keine
Hausmacht in der Partei besaß. Dies sollte sich sehr schnell herausstellen, nachdem Müller
hatte verlauten lassen, im Falle seiner Wahl zum Regierungschef würde er die bisherigen Res-
41 Zitat aus dem Schreiben Wulfs, München, 4. 12. 1946, an Gebhard Müller.
42 Bericht über die Wahlrede Müllers im Schwäbischen Tagblatt (Tübingen) vom 17. 5. 1947.
43 Eberhard Konstanzer: Die Entstehung des Landes Baden-Württemberg, Stuttgart-Berlin-
Köln-Mainz 1969, S. 56; Uwe Dietrich Adam: Die CDU in Württemberg-Hohenzollern. In: Paul-Ludwig
Weinacht (Hg.): Die CDU in Baden-Württemberg und ihre Geschichte (Schriften zur politischen
Landeskunde Baden-Württembergs 2), Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1978, S. 163-191, hier S. 182;
Klaus-Dietmar Henke: Politische Säuberung unter französischer Besatzung. Die Entnazifizierung in
Württemberg-Hohenzollern (Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 42). Stuttgart 1981,
S. 151ff.; Gerd Friedrich Nüske, Neubeginn von oben: Staatssekretariat und Landrätetagungen, in:
Gögler/Richter (wie Anm. 3), S. 81-110, hier S. 91; Bradler, Müller (wie Anm. 2), S. 84ff.; Raberg,
Müller (wie Anm. 2), S. XVIII; Fritz Kallenberg: Die Sonderentwicklung Hohenzollerns. In: Ders.
(Hg.): Hohenzollern (Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs 23). Stuttgart-Berlin
-Köln 1996, S. 129-282, hier S. 237; Weber (wie Anm. 33), S. 284.
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